Je me désolidarise…

Ich bin gläubiger Muslim und ich distanziere mich von den Terroranschlägen in Belgien, bei denen viele unschuldige Menschen getötet worden sind.

Meine Gedanken sind bei den Familien der Opfer, die sich fragen werden, womit sie es verdient haben, ihre Liebsten wegen der Launen einiger weniger Barbaren verloren zu haben. Diese Barbaren haben Dutzende Einzelschicksale zerstört und sind verantwortlich für lebenslange Depressionen und Traumata, die die Hinterbliebenen plagen werden. Welches kranke Hirn kann sich darüber freuen und welches dumme Hirn kann solche Konsequenzen komplett ausblenden?

Ich distanziere mich von einer religiös motivierten Ideologie, der ein Menschenleben nichts bedeutet. Das gilt sowohl für die unschuldigen Opfer, denen zuvor jegliche menschlichen Eigenschaften von den Tätern aberkannt worden sind, um diese Grausamkeiten zu rechtfertigen, als auch für die Täter, die sich bereitwillig als Kanonenfutter des Islamismus hergegeben haben. Manche haben im letzten Moment kalte Füße bekommen und ihre Sprengstoffweste ausgezogen, so wie Salah Abdeslam, der Chef-Logistiker der Paris-Attentate, den die belgische Polizei am vergangenen Freitag im Brüsseler Stadtteil Molenbeek festgenommen hatte. Vielleicht war es auch der letzte Funken Menschlichkeit, der ihn davon abgehalten hat, den Knopf zu drücken. Sein Bruder hat es durchgezogen. Das Maß der Schuld, das Abdeslam und seine Komplizen auf ihre Schultern geladen haben, ist jedenfalls unvorstellbar und ich weiß beim besten Willen nicht, welche Reaktion sie sich von ihrem Schöpfer, an den sie glauben, am Jüngsten Tag, an den sie auch glauben, erhoffen. Lob? Belohnung? Den Himmel? Ernsthaft?

Aber es reicht nicht, sich als Muslim nur von diesen Gewaltakten zu distanzieren. Das sollten auch die Islamverbände in Deutschland allmählich einsehen. Es ist vielmehr unabdingbar, sich von allen Formen der psychischen Gewalt, die der körperlichen Gewalt vorausgehen, zu distanzieren.

Deswegen distanziere ich mich auch von islamisch geprägten Lebensentwürfen, die die Gleichheit aller Menschen nicht anerkennen.

Ich distanziere mich von islamisch geprägten Paschas, die glauben, dass sie die Herren der Welt sind.

Die glauben, dass Frauen nur dafür gemacht sind, ihnen zu gehorchen.

Die Frauen auf ihre Gebär-, Putz- und Kochfunktion reduzieren und sich dabei auf angeblich islamische Traditionen berufen.

Die Juden und Homosexuelle als Affen und Schweine bezeichnen.

Die Juden und andere Minderheiten zu Hauptakteuren sämtlicher Verschwörungstheorien auserkoren haben, um ihre eigene Schwäche und ihr eigenes Versagen im Leben erträglicher zu machen.

Die in einem infantilen Zustand des verwöhnten Einzelkinds verharren und weder fähig sind, sich kritisch zu reflektieren noch sich in irgendeiner Form weiter zu entwickeln.

Ich distanziere mich von den patriarchal-autoritären Strukturen in vielen islamischen Ländern, die ein Grund für Intoleranz, Gewalt und Radikalisierung sind. Sie sind in Kombination mit Armut und mangelnder Bildung der Nährboden für islamistischen Terrorismus, wie wir ihn jetzt in Brüssel erleben müssen.

Ich distanziere mich von der Unterdrückung der natürlichen Sexualität in konservativen islamischen Kreisen und ich distanziere mich von der Kultivierung einer ständigen Angst vor einem strafenden Gott. Beide Aspekte sind ein Grund für pathologische Tendenzen bei vielen muslimischen Jugendlichen. Aggressionen und Gewalt gegen ein vermeintlich legitimes Feindbild (Andersgläubige und Nichtgläubige) sind ein willkommenes Ventil und der erste Schritt in die Radikalisierung – sowohl in Gaza als auch in Berlin.

Die öffentlich vorgetragene Distanzierung nach islamistischen Terroranschlägen ist inzwischen ein etablierter und absolut nachvollziehbarer Reflex seitens der islamischen Community. Aber die Distanzierung sollte nicht auf schreckliche Tage wie den heutigen beschränkt werden. Sie muss jeden Tag geschehen. Es ist ein täglicher Kampf – gegen Intoleranz, Hass und Ungleichheit.

Je me désolidarise…

Was Rechtspopulisten und Islamisten gemeinsam haben

AfD-Chefin Frauke Petry (Foto: blu-news.org [CC BY-SA 2.0], via Wikimedia Commons
Radikale Islamisten teilen die Welt in Gut und Böse ein: in Gläubige (Mu’min) und Ungläubige (Kuffar). Es ist ein dualistisches Weltbild, das einfache Antworten auf komplexe Fragen liefert. Vor allem deshalb fühlen sich manche (junge) Europäer, die nach Orientierung und Lebenssinn in einer unübersichtlichen und scheinbar sinnlosen Welt suchen, von dschihadistischen Terrororganisationen wie dem IS angezogen. Es gibt ein klar eingegrenztes Feindbild, das man für sämtliche Probleme (also auch die eigenen) verantwortlich machen kann. Gleichzeitig erfährt man einen enormen Selbstbewusstseinsschub, denn man gehört nun zu den „Guten“ und fühlt sich seinen Feinden moralisch überlegen.

Rechtspopulisten teilen die Welt in Gut und Böse ein: in Inländer und Ausländer. Es ist ein dualistisches Weltbild, das einfache Antworten auf komplexe Fragen liefert. Vor allem deshalb fühlen sich manche (junge) Europäer, die nach Orientierung und Lebenssinn in einer unübersichtlichen und scheinbar sinnlosen Welt suchen, von rechtspopulistischen Parteien wie der Front National (Frankreich), der Partij voor de Vrijheid (Niederlande) oder der FPÖ (Österreich) angezogen. Es gibt ein klar eingegrenztes Feindbild, das man für sämtliche Probleme (also auch die eigenen) verantwortlich machen kann. Gleichzeitig erfährt man einen enormen Selbstbewusstseinsschub, denn man gehört nun zu den „Guten“ und fühlt sich seinen Feinden moralisch überlegen.

Europa droht angesichts der Flüchtlingskrise und Terror-Angst nach rechts zu driften. In zahlreichen Ländern steigen die Umfragewerte von rechtspopulistischen Parteien – wenn sie nicht schon die jeweilige Landesregierung stellen. Das ARD-Europamagazin hat in einem aktuellen Beitrag die Situation skizziert:

  • In den Niederlanden ist die Partij voor de Vrijheid (Partei für die Freiheit) des Islamfeinds Geert Wilders mit 20,4 Prozent derzeit die umfragestärkste Partei.
  • Die rechtspopulistischen Sverigedemokraterna (Schwedendemokraten) sind in aktuellen Umfragen mit 16,7 Prozent drittstärkste Kraft.
  • Seit den Parlamentswahlen 2015 ist die rechtspopulistische Partei Perussuomalaiset (Die Finnen) Teil der Regierungskoalition in Finnland. Seitdem sind die Ausländergesetze massiv verschärft worden.
  • Die rechtsextreme Front National von Parteichefin Marine Le Pen hat zwar die letzten Regionalwahlen in Frankreich verloren, aber der anhaltende Ausnahmezustand seit den Pariser Terroranschlägen und die Ängste vieler Bürger vor den Folgen der Flüchtlingskrise machen die Partei trotz faschistischem Gedankengut und vordemokratischer Wirtschaftskonzepte für eine wachsende Zahl von Menschen wählbar.
  • Spätestens Ende 2017 stimmen die Briten in einem Referendum über einen EU-Austritt ab (Brexit). Premierminister David Cameron verhandelt mit der EU über Ausnahmen und Sonderregelungen für Großbritannien, um einen Brexit zu verhindern. Dabei geht es auch um die Einschränkung von Sozialleistungen für EU-Bürger, die in Großbritannien leben. Das würde rund eine Million Polen betreffen, die den größten Teil der EU-Arbeitsmigranten auf der Insel ausmachen. Die Tatsache, dass dies wiederum der PiS-Regierung in Warschau überhaupt nicht gefällt und Cameron deswegen zu einem Besuch anreisen muss, um die Wogen zu glätten, entlarvt die Doppelmoral der Nationalisten und Abschottungspolitiker innerhalb der EU.

Es ist offenkundig, was all diese Rechtspopulisten, Nationalisten und Rechtsextreme mit Dschihadisten gemeinsam haben: das dualistische Weltbild, das nur Schwarz und Weiß kennt – ohne Grautöne, geschweige denn Farben.

Doch nicht nur das: Europäische Rechte und Islamisten brauchen einander. Ohne die Angst vor dem Fremden, ohne die Angst vor anderen Kulturen oder Religionen gäbe es keine AfD und keine Front National. Sie instrumentalisieren Flüchtlingskrise und Terror-Angst, um pauschal eine ganze Glaubensgemeinschaft unter Generalverdacht zu stellen.

Doch genau das spielt den Islamisten in die Hände. Sie wollen eine Spaltung der Gesellschaft. Sie wollen eine Radikalisierung gemäßigter Muslime, die den Anfeindungen rechter Scharfmacher und deren Anhänger ausgesetzt sind. Sie wollen zwei klar umrissene Lager, die sich bekämpfen – ungefähr so wie bei Hooligans gegen Salafisten in Köln 2014. Da galt nur: „Wir gegen die.“ Das ist einfach, das verstehen selbst Menschen mit einem IQ knapp über Zimmertemperatur.

Wir sollten nicht den einfachen Weg wählen, weil die meisten von uns wissen, dass es eben nicht so einfach ist, wie es uns die Hassprediger aus beiden Lagern weismachen wollen. Die Welt ist nicht nur schwarz oder weiß. Die Welt ist ein Regenbogen, um es pathetisch auszudrücken. Mit allen nur erdenklichen Farbnuancen. Genau deswegen müssen wir Farbe bekennen.

Buchstabenglaube ist keine islamische Erfindung

Es ist auch nicht hilfreich, Muslime ständig mit kriegerischen Koranversen zu konfrontieren und sie zu befragen, wie sie dazu stehen. Aktuell leben rund vier Millionen Muslime in Deutschland, ohne dass ein Glaubenskrieg ausgebrochen ist. Das Fußgängerzonen-Quiz „Koran oder Bibel?“ zeigt, dass der Islam kein Monopol auf Grausamkeiten oder patriarchalische Haltungen hat. Muslime haben keine größere Pflicht, buchstabengläubig zu sein als Christen oder Juden. Das denken höchstens Menschen, die sich noch nie mit einem Muslim unterhalten haben. Wo ist die Wahrscheinlichkeit dafür am höchsten? Genau, in weiten Teilen Ostdeutschlands, wo Pegida und AfD kräftig gedeihen.

Die meisten Muslime in Deutschland wollen in Harmonie und Frieden mit ihren Nachbarn leben und die meisten muslimischen Flüchtlinge fliehen vor brutalen Islamisten, die ihre Länder in Schutt und Asche gelegt haben – sei es in Syrien oder in Afghanistan. Diese Menschen haben bestimmt keinen Krieg gegen die deutschen „Ungläubigen“ im Sinn, sondern wollen nur Frieden für sich und ihre Familien. In vielen Fällen messen sie der Religion gar keine so große Bedeutung bei, wie viele der besorgten Bürger glauben möchten. Die Gefahr von getarnten Terroristen, die mit dem Flüchtlingsstrom nach Deutschland kommen, ist real. Doch die Rechtspopulisten belassen es nicht bei dieser Erkenntnis, sondern nutzen sie, um den Kampf der Kulturen mit Pauschalisierungen zu befeuern.

Wer am lautesten schreit, hat nicht automatisch recht. Und wer nur einfache Antworten auf schwierige Fragen liefert, sollte einem mündigen Menschen verdächtig vorkommen. Es spielt keine Rolle, ob es sich dabei um einen Rechtspopulisten oder einen Islamisten handelt. Denn beide leben von der Angst, dem Hass und der Intoleranz der Menschen, ohne ernsthafte Lösungsvorschläge für die Probleme dieser Welt bieten zu können. Sie tun so, als wüssten sie es besser, doch unter ihrer Herrschaft würde alles zugrunde gehen, wofür europäische Staaten jahrhundertelang gekämpft haben: Freiheit, Gleichheit, Toleranz.

Abschottung und das Zurückfallen in längst überholte Denkmuster können weder bei der Flüchtlingskrise noch bei irgendeinem anderen Problem, das durch die Globalisierung entstanden ist, die Lösung sein. AfD-Wähler müssen nur nach Polen und Ungarn schauen, um zu erfahren, wie die Alternative für Deutschland konkret aussehen könnte. Würden sie das derzeitige Deutschland wirklich dafür eintauschen wollen? Ich glaube nicht. Selbst die urdeutschen Wutbürger, die sich von einer AfD-Regierung einen persönlichen Vorteil erhoffen, würden sich angesichts der unsozialen Politik enttäuscht abwenden. Doch für einen Meinungsumschwung könnte es in einem antidemokratischen System, das nicht viel von Meinungsfreiheit hält, zu spät sein. Deswegen sollte die Büchse der Pandora gar nicht erst geöffnet werden.

Was können wir tun?

Den unbequemen Weg gehen: differenzieren, (uns selbst) hinterfragen, besonnen bleiben, aber auch den Mund aufmachen.

Es steht nicht weniger als ein geeintes, demokratisches und pluralistisches Europa auf dem Spiel.

 

Was Rechtspopulisten und Islamisten gemeinsam haben