Ich bin ein Zweifler. Oder etwa nicht? (Intro)

Irgendwie fühlen sich diese ersten Blog-Zeilen überaus narzisstisch an. Als hätte ich der Welt mehr und Wichtigeres mitzuteilen als andere Menschen, die sich mit der Materie schon viel länger beschäftigen als ich. Dennoch komme ich nicht umhin, diesen Blog über meinen Glauben zu starten – sei es aus niederen, narzisstischen Beweggründen, sei es aus wahrhaftigem Interesse an Aufklärung, interkulturellem Dialog und gegenseitigem Verständnis. Ich spüre schon seit langem dieses innere Bedürfnis, meine Gedanken dazu in Schriftform festzuhalten und der Welt mitzuteilen. Und ich denke, dass ich das besser kann als manche „Experten“, die in Essays oder politischen Talkshows über den Islam dozieren. Wie komme ich zu dieser Einschätzung?

Warum ein Islam-Blog?

Ein Muslim in Deutschland, der aus seinem Glauben kein Geheimnis macht und nicht ausschließlich in einer islamischen Community lebt, gerät früher oder später mit einem Andersgläubigen, einem Atheisten oder einem Agnostiker in einen religiösen Dialog. Oft geschieht das bei gesellschaftlichen Anlässen, wenn man die Datteln im Speckmantel ablehnt und dafür offen den Grund benennt. (Nicht, dass Muslime etwas gegen Datteln hätten – der Prophet Mohammed s.a.w.s. soll mit ihnen immer sein Fasten gebrochen haben – nur die Speckhülle passt uns nicht so ganz).

Dieser ersten Enthüllung folgt der Dialog: Oft fragt mich mein Gegenüber aus reinem Interesse nach den religiösen Vorschriften im Islam und ob Muslime wirklich fünf Mal am Tag beten müssen und tatsächlich auch im Hochsommer fasten müssen. Meistens kann ich ihm auf diese Fragen sehr eindeutige Antworten geben, indem ich die fünf Säulen des Islams (Glaubensbekenntnis, tägliches Gebet, Fasten, Almosen-Steuer und die Pilgerfahrt nach Mekka) aufzähle. Nach einem mitleidigen Nicken, dass mir suggerieren soll, ich hätte die anstrengendste Buchreligion von allen abbekommen, fragt er mich schließlich, ob ich persönlich auch alle diese Vorschriften befolge. Ab diesem Zeitpunkt kann das Gespräch in einen Rechtfertigungs-Monolog abdriften, da ich dann immer zugeben muss, dass ich das fünfmalige, tägliche Gebet nicht fünf Mal und nicht täglich ausführe. Auch das mit dem Fasten habe ich erst vor etwa fünf Jahren angefangen und wenn ich ehrlich bin, habe ich seitdem vielleicht einen Ramadan durchgefastet. Die Almosen-Steuer entrichte ich übers Internet und für die Pilgerfahrt nach Mekka fehlte mir bisher das Geld. Bleibt noch das islamische Glaubensbekenntnis, dass ich mehrmals täglich auf Arabisch aufsage. Immer bevor ich einschlafe und immer mal wieder zwischendurch: „Ich bezeuge, dass es keinen Gott außer Allah gibt und bezeuge, dass Mohammed sein Gesandter ist.“

Bin ich ein 3/5-Muslim?

Und dann stelle ich mir immer wieder diese eine Frage: Reicht das? Zählt jede Säule gleich? Angenommen, ich faste ab sofort jeden Ramadan durch, bin ich dann ein 3/5-Muslim? Klingt immerhin besser als 2/5, ist schließlich mehr als die Hälfte. Gibt es 5/5-Muslime, die alle Vorschriften befolgen, aber trotzdem schlechte Menschen sind? Ist so etwas überhaupt möglich, wenn man alle Anweisungen Gottes befolgt oder wird man dann automatisch gereinigt, egal was vorher war? Solche Gedankennetze spinne ich in meinem Kopf, immer weiter, immer feiner, während mein Gegenüber schon längst das Thema gewechselt hat. Ist es das wert, über solche Sachen sein Leben lang nachzudenken? Meine klare Antwort: ja. Der einzige Unterschied zu früher ist, dass ich ab sofort (rein theoretisch) die gesamte Menschheit daran teilhaben lassen will. Vielleicht finden es manche genauso spannend wie ich, egal ob Glaubensbrüder, -Schwestern, Juden, Christen, Buddhisten, Hinduisten, Atheisten oder Agnostiker.

Terror, Flüchtlingskrise, Silvester in Köln

Andere Gespräche, die sich nicht um die reinen Glaubenspraktiken drehen, dienen meinem Gegenüber als Vergewisserung, wie Muslime zu bestimmten gesellschaftlichen Debatten stehen oder Nachrichten aus der Weltpolitik bewerten, die mit dem Islam zu tun haben oder (fälschlicherweise) mit dem Islam konnotiert werden. Ist der IS-Terror islamimmanent? Ist die Sorge berechtigt, dass sich muslimische Flüchtlinge nicht (gut) in Deutschland integrieren können? Hat der Islam ein mittelalterliches Frauenbild, das muslimische Männer zu Chauvinisten macht, die sich dann wie in Köln sexuell an Frauen vergreifen? Sollten sich aufgeklärte Muslime nicht entschieden von solchen Taten distanzieren? Oder braucht der Islam gar eine Reform, einen muslimischen Luther?

Sehr oft fühle ich mich überfordert, wenn mich mein Gegenüber dabei implizit auffordert, stellvertretend für rund 1,6 Milliarden Muslime weltweit zu sprechen, da ich mir relativ sicher bin, dass ich mit meiner Weltanschauung in einigen islamischen Ländern als Zweifler, Heuchler oder gar Ungläubiger gelten könnte – trotz der oben errechneten 3/5 Islamkompatibilität. Das liegt auch daran, dass ich als bosnischer Muslim einer Minderheit angehöre, die sich in vielen Punkten von der arabischen Mehrheit der Muslime unterscheidet. (Nicht zu vergessen die asiatischen Muslime wie z. B. in Indonesien.) Das fängt bei der Gebetshaltung an und endet etwa bei der liberaleren Interpretation des Korans. Gerade das scheint vielen Menschen aus dem westlichen Kulturkreis nicht (immer) bewusst zu sein und gerade das ist ein weiterer Grund, diesen Blog anzufangen.

Der Islam gehört zu Deutschland

Man kann ihm viel vorwerfen, aber mit diesem Satz hatte der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff absolut recht. Nicht nur die Enkel der türkischen Gastarbeiter, auch die vielen Syrer, die im Zuge der Flüchtlingskrise nach Deutschland kommen, werden dieses Land nachhaltig verändern. Der Islam wird in den kommenden Jahren eine wachsende gesellschaftliche Bedeutung erhalten und es würde mich nicht wundern, wenn ich den Bundestags-Einzug der ersten politischen Partei mit einem „I“ im Namen noch erleben würde.

Deutschland und Europa am Scheideweg

Doch zurück zur Gegenwart: Nach den sexuellen Übergriffen in der Silvesternacht in Köln droht das gesellschaftliche Klima in Deutschland zu kippen: Die Stadt Bornheim verbietet männlichen Flüchtlingen den Zugang zum Schwimmbad, 1700 Pegida-Anhänger brüllen rechte Parolen am Kölner Hauptbahnhof und ein Landshuter Landrat karrt unter falschem Vorwand 31 Flüchtlinge vor das Kanzleramt in Berlin, um auf die Überforderung der Kommunen bei der Unterbringung der Flüchtlinge aufmerksam zu machen. Die deutsche Willkommenskultur, ein beispielloser Akt der Humanität und – wenn man so will – Ausdruck eines islamischeren Verhaltens in der Flüchtlingskrise als das von nachweislich islamischen Ländern wie Saudi-Arabien oder Katar, hat nach den Ereignissen von Köln einen gewaltigen Dämpfer erhalten. Das energisch-optimistische „Wir schaffen das“ von Bundeskanzlerin Angela Merkel verhallt nun ungehört zwischen den Rufen nach mehr Polizei, schnelleren Abschiebungen und einer Verschärfung des Asylrechts.

Gleichzeitig versuchen Terrororganisationen wie der Islamische Staat den Krieg nach Europa zu tragen und Zwietracht zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen zu säen, während sich osteuropäische Staaten wie Polen, Ungarn, Tschechien oder die Slowakei allmählich aus der europäischen Solidargemeinschaft verabschieden, indem sie ganz explizit die Aufnahme von muslimischen Flüchtlingen verweigern. Somit droht der EU neben einer ökonomisch bedingten Nord-Süd-Spaltung nun auch noch eine Ost-West-Spaltung.

Ist die Angst der Osteuropäer begründet? Sollten sich die Deutschen vor dem Islam fürchten, den die Flüchtlinge importieren? Haben die Hass-Kommentatoren in sozialen Netzwerken womöglich in der Sache recht, obwohl die verbale Form inakzeptabel ist?

Doch wovon reden wir eigentlich? Reden wir über das Gleiche oder aneinander vorbei? Hören wir dem anderen auch zu?

Bevor man eine Debatte anfängt, klärt man im Idealfall vorher den Diskussionsrahmen. Dieser Grundsatz sollte auch dann gelten, wenn man über den Islam debattiert.

„Es gibt nicht DEN Islam“, heißt es immer, wenn man Experten fragt. Das ist eine berechtigte Differenzierung, denn Religion und Kultur bilden in jeder muslimischen Region auf der Welt eine vollkommen individuelle Symbiose. Das geht so weit, dass kulturelle Bräuche mit religiösen Vorschriften verwechselt werden und umgekehrt. Der interessierte westliche Beobachter (und auch der fernöstliche) wird dann aber die ebenso berechtigte Nachfrage stellen: „Welche Formen des Islams gibt es denn, wenn es schon nicht DEN EINEN gibt?“ Und was noch wichtiger ist: Wer hat die Deutungshoheit darüber, was Islam ist?

Ich gebe zu: viele Fragen und bisher kaum Antworten. Doch das soll sich ändern. Denn genau deswegen habe ich diesen Blog ins Leben gerufen. Ich wollte nur den Diskussionsrahmen klären, bevor ich mit meinen ersten Beiträgen ins Detail gehe.

Mein Ziel: Ich möchte der Frage auf den Grund gehen, warum das Thema Islam ein so schwieriges und vielschichtiges ist. Ich möchte – soweit möglich und nötig – Vorurteile entkräften, Sachverhalte differenzieren und meinen eigenen Glauben besser verstehen lernen.

Es würde mich jedenfalls glücklich machen, wenn meine künftigen Beiträge bei Andersgläubigen, Atheisten oder Agnostikern zu mehr Verständnis für und mehr Toleranz gegenüber dem Islam führen würden.

Die gesellschaftliche Realität ist: Wir alle kommen am Thema Islam nicht mehr vorbei. Doch wir haben die Wahl: Entweder wir gehen den Weg des Misstrauens und der Gewalt oder den Weg der Verständigung und der Toleranz.

Das soll jetzt aber auch reichen fürs Intro.

 

 

 

 

Ich bin ein Zweifler. Oder etwa nicht? (Intro)