Fatwa setzt Saudi-Arabien schachmatt

Der Großmufti von Saudi-Arabien sieht Schach als Glücksspiel an. (Foto: Ilagam, CC-Lizenz (BY 2.0), http://www.piqs.de)

Der oberste islamische Gelehrte Saudi-Arabiens, Großmufti ʿAbd al-ʿAzīz ibn ʿAbdallāh Āl asch-Schaich, hat Schach in einer Fatwa (islamisches Rechtsgutachten) für haram (verboten) erklärt. Das Spiel sei aus mehreren Gründen mit dem Islam unvereinbar. Schachspieler in Saudi-Arabien fürchten nun, dass die Religionspolizei nationale und internationale Schachturniere im Land verbieten könnte.

„Das Schachspiel ist verboten.“ Mit diesen Worten antwortete der oberste islamische Gelehrte Saudi-Arabiens, Großmufti ʿAbd al-ʿAzīz ibn ʿAbdallāh Āl asch-Schaich, in einer Fernsehsendung auf die Frage eines Zuschauers, ob Schach mit dem Islam vereinbar sei. Er begründete seine Fatwa, ein islamisches Rechtsgutachten, damit, dass Schach süchtig machen könne. Die Spieler könnten dabei ihre täglichen Pflichtgebete vergessen. „Es ist eine Verschwendung von Zeit und Geld und verursacht Rivalität und Feindschaft“, erklärte der Großmufti. Es mache reiche Leute arm und arme Leute reich. Wie Alkohol und Glücksspiel sei Schach „das Werk Satans“.

Die Fatwa stammt eigentlich aus dem Jahr 2014, doch erst ein im Dezember 2015 hochgeladenes Youtube-Video, das die Antwort des saudischen Großmuftis auf die Schach-Frage zeigt und ein am Freitag und Samstag ausgetragenes Schachturnier in Mekka sorgten für eine Berichterstattung in westlichen Medien samt hitziger Diskussion auf Facebook und Twitter. Die Netzgemeinde in Deutschland reagierte auf die Schach-Fatwa mit Hohn und Spott. „#Schach“ führte zwischenzeitlich sogar die deutsche Trendthemenliste auf Twitter an:

Die saudische Schach-Community ließ sich von der Fatwa des Großmuftis nicht daran hindern, das angekündigte Schachturnier in Mekka auszurichten. Musa Bin Thaily, Mitglied der Saudi Chess Association (SCA), veröffentlichte wie zum Beweis zahlreiche Fotos vom Turnier auf Twitter:

„Unsere von religiösen Ansichten bestimmte Gesellschaft hat über die Jahre fast alles Neue zum Feind erklärt – seien es Radios, Fernseher oder Smartphones. Trotzdem hat es unsere Gesellschaft immer wieder geschafft, solche temporären Verbote zu überwinden und sich weiter zu entwickeln“, erklärt Bin Thaily. Doch beim Schach sei es anders: Bereits 1976 habe eine Fatwa Schach in Saudi-Arabien zu einer verbotenen Angelegenheit für Muslime erklärt und so sei der Sport nie unter die Schirmherrschaft des saudischen Sport- und Jugendministeriums aufgenommen worden. Die in den vergangenen Jahren gegründete Saudi Chess Association kämpfe nun darum, vom Staat anerkannt und finanziell gefördert zu werden.

„Religionspolizei könnte Schach-Events verbieten“

Doch die neue Fatwa des Großmuftis ʿAbd al-ʿAzīz ibn ʿAbdallāh Āl asch-Schaich ist ein herber Rückschlag für den saudischen Schachverband. „Die Fatwa aus dem Dezember 2014 ist ein besorgniserregendes Alarmsignal und könnte unseren Verband daran hindern, weiter zu wachsen. Außerdem könnte sie die Religionspolizei dazu veranlassen, sämtliche Schach-Events in Zukunft zu verbieten. Dann könnten wir keine Großmeister mehr einladen und keine großen, internationalen Turniere mehr im saudischen Königreich veranstalten“, so die Sorge des SCA-Mitglieds Bin Thaily.

Zwar sind Fatwas keine Gesetze, sondern gelten als religiöse Gutachten, die Gläubigen eine allgemeine Handlungsempfehlung liefern sollen, doch Großmufti ʿAbd al-ʿAzīz ibn ʿAbdallāh Āl asch-Schaich ist gleichzeitig stellvertretender Justizminister im Land und Präsident der Religionspolizei. Die Befugnisse der Religionspolizei wurden zwar in einer Reihe von Reformen zwischen 2006 und 2012 beschnitten, aber eine Kooperation von Religionspolizei und staatlichen Organen ist im Falle eines Schachturnier-Verbots trotzdem denkbar.

In mehreren Tweets erklärt und kritisiert Musa Bin Thaily öffentlich die Fatwa des höchsten islamischen Gelehrten Saudi-Arabiens. Zum Beispiel sei es unmöglich, „Rivalität und Feindschaft“ juristisch zu erfassen. Außerdem sei Fußball im Gegensatz zu Schach ein vom saudischen Sportministerium anerkannter Sport, obwohl er unter bestimmten Umständen auch als haram gilt. Generell könne jeder Sport in Saudi-Arabien als haram gelten, sofern er mit Glücksspiel in Verbindung gebracht werde, Gläubige vom Gebet abhalte oder zu Hass zwischen den Spielern führe, erklärt SCA-Generalsekretär Yaser Al Otaibi in einem Brief an den Weltschachbund FIDE.

Auf die Frage, ob er wegen seiner öffentlichen Äußerungen keine Angst vor Konsequenzen wie dem Verlust seines Jobs habe, antwortet Schach-Enthusiast Musa Bin Thaily, der Ingenieur bei der Erdölfördergesellschaft Saudi Aramco ist: „Nicht wirklich. Letzten Endes haben wir ein gerechtes System, das sage ich ganz ehrlich.“

Fatwa setzt Saudi-Arabien schachmatt

Vom Glauben abgefallen

Der staatenlose Lyriker und Kurator Ashraf Fayadh sitzt in Saudi-Arabien in der Todeszelle. Der Vorwurf: Apostasie, Abfall vom Glauben. Hier sieht die Scharia, das islamische Gesetz, nach saudischer Lesart die Todesstrafe vor. Doch wie ist dieser Umstand historisch begründet – und vor allem: Ist er aus islamischer Sicht zwingend? Eine Spurensuche in den zwei wichtigsten Quellen der islamischen Jurisprudenz – Koran und Sunna.

Ashraf Fayadh ist ein staatenloser Lyriker und Kurator, der aus Palästina stammt und in Saudi-Arabien aufgewachsen ist. Obwohl er viele Jahre ein anerkannter Repräsentant der saudi-arabischen Kulturszene war und 2013 sogar den saudischen Pavillon auf der Biennale in Venedig gestaltete, wurden ihm die saudische Staatsangehörigkeit und viele Bürgerrechte stets verweigert. Seit dem 17. November 2015 sitzt der 35-Jährige in der Todeszelle und soll enthauptet werden. Der Vorwurf des islamischen Königreichs: Apostasie, Abfall vom Glauben. Fayadh soll Gotteslästerung betrieben und den Atheismus propagiert haben. Grund für die Anklage ist auch sein Lyrik-Band „Instructions within“, „Anweisungen von Innen“. Es mutet seltsam an, dass dieses Werk plötzlich gegen ihn verwendet wird, denn es wurde bereits 2008 publiziert.

Sascha Feuchter, Vize-Präsident und „Writers in Prison“-Beauftragter des deutschen PEN-Zentrums, hält das alles nur für vorgeschoben:

„Experten, die sich diese Gedichte angeschaut haben, sagen uns eigentlich, dass da überhaupt nichts Islamkritisches oder gar Gotteslästerliches drin ist. Es handelt von seinem Schicksal als Palästinenser in Saudi-Arabien, auch als ein Heimatloser. Dieser Blasphemie-Vorwurf ist eigentlich der Vorwand, um jemanden politisch kaltzustellen.“

Tatsächlich deutet vieles auf einen politisch motivierten Prozess hin: Fayadh soll ein Video ins Netz gestellt haben, dass die Hinrichtung eines Minderjährigen in Saudi-Arabien zeigt. Ein anderer saudischer Künstler, mit dem er in persönlichen Streit geraten sein soll, habe ihn angeschwärzt. Ein „Agent provocateur“, von der Religionspolizei geschickt, vermuten seine ausländischen Freunde. Nach Angaben von Amnesty International UK kam Fayadh am 6. August 2013 in Haft. Am nächsten Tag wurde er wieder freigelassen; am 1. Januar 2014 kam er erneut in Haft. Neben des Vorwurfs der Apostasie wurde ihm ein Verstoß gegen das Anti-Cyberkriminalitätsgesetz des Landes zur Last gelegt, da er Fotos von Frauen gemacht und auf seinem Smartphone gespeichert haben soll.

Am 30. April 2014 wurde Fayadh wegen der Fotos von Frauen auf seinem Smartphone zu vier Jahren Haft und 800 Peitschenhieben verurteilt. Das zuständige Gericht akzeptierte seine Entschuldigung bezüglich des Apostasie-Vorwurfs und hielt die Strafe für angemessen. Das Berufungsgericht jedoch war der Ansicht, dass Fayadh auch wegen Apostasie verurteilt werden sollte und so landete er schließlich in der Todeszelle. Während des gesamten Prozesses soll Fayadh ein Anwalt verweigert worden sein. Ein klarer Verstoß gegen internationale Menschenrechte und saudi-arabische Gesetze, kritisiert Amnesty.

Schon vor dem Todesurteil regte sich internationaler Protest: Im Februar 2014 forderten rund 1000 arabische Intellektuelle seine Freilassung. Auch ein Brief des amerikanischen PEN-Zentrums an den US-Präsidenten Barack Obama im Dezember 2015 brachte nichts ein.

Den World Reading Day am vergangenen Donnerstag nutzten zahlreiche Schriftsteller weltweit, um aus dem Werk des zum Tode verurteilten Dichters zu lesen. Auch in arabischen Ländern gab es Solidaritätslesungen für Ashraf Fayadh, z.B. in Kairo oder Ramallah.

Hier eines seiner Gedichte aus dem Jahr 2008:

„dein stummes Blut wird sich nicht zu Wort melden
so lange du deinen Stolz in den Tod setzt
um deine Seele zu verlieren
wirst du Zeit brauchen
sehr viel mehr als um deine Augen
zu heilen, die Tränen aus Erdöl geweint haben“

So weit, so traurig.

Es gibt allerdings zwei kurze Sätze, über die ich beim Lesen des Amnesty-Aufrufs gestolpert bin:

  1. Apostasie (auf Arabisch: Ridda) ist die Abkehr vom Islam.
  2. In Saudi-Arabien gilt die Scharia, das religiöse Gesetz des Islams, und Apostasie kann dort mit dem Tod bestraft werden.

Gefährliche Sinn-Induktion

In diesem Moment habe ich einen inneren Widerspruch verspürt: Einen Widerspruch zwischen meiner Haltung (ich bin gegen die Todesstrafe, natürlich auch im Falle der Apostasie) und der Haltung, die der Islam in dieser Frage angeblich vertritt. Warum schreibe ich „angeblich“? Weil es sich um eine Information handelt, die ich selbst bisher nie geprüft habe und als Journalist schreibe ich in diesen Fällen immer „angeblich“.

Darüber hinaus würde ich einer bestimmten Sinn-Induktion freien Lauf lassen, wenn ich diese angebliche Tatsache ungeprüft akzeptieren würde. So geht es auch den meisten westlichen Lesern.

Welche Sinn-Induktion läuft hier bewusst oder unbewusst beim Leser ab?

Scharia = Todesstrafe bei Apostasie = islamisches Gesetz = Islam = repressiv, autoritär, gewalttätig, intolerant = unvereinbar mit Religions- und Meinungsfreiheit (Art 4,5 GG) = inkompatibel zu demokratischen Gesellschaften = Angst, Ablehnung = Feindbild

Kommt dieses Schema Ihren Gedanken nahe? Wenn ja (und davon gehe ich aus), dann sollten wir diese These einer konkreten Prüfung unterziehen. Ich möchte mich nämlich nicht von dieser Lesart voreilig vereinnahmen lassen und das sollten Sie auch nicht.

These: Die Abkehr vom Islam muss mit dem Tod bestraft werden

Ich bin eine tolerante Person und der Auffassung, dass jeder seinen Glauben frei wählen sollte. Auf Grund meiner eigenen Lebenserfahrung bin ich zu dem Schluss gekommen, dass Zwang hier nicht funktioniert, da die Glaubensentscheidung eine Entscheidung des Herzens ist. Genauso wie man keine Person zwingen kann, eine andere aufrichtig zu lieben, kann man auch keinen zwingen, etwas Bestimmtes zu glauben. Auch wenn jemand vor einem saudischen Richter versichert, dem Islam anzugehören, muss das noch lange nicht der Wahrheit entsprechen. Umgekehrt kann jemand trotzdem Muslim sein, auch wenn ein Richter das Gegenteil verkündet. Auch der Koran, die primäre Quelle des islamischen Rechts, unterstreicht die Bedeutung des Herzens im Zusammenhang mit dem Glauben in zahlreichen Suren.

In Sure al-Hagg (Die Pilgerfahrt, 22:46) heißt es:

„Reisen sie denn nicht auf der Erde umher, so daß sie Herzen bekommen, mit denen sie begreifen, oder Ohren, mit denen sie hören? Denn nicht die Blicke sind blind, sondern blind sind die Herzen, die in den Brüsten sind.“

In Sure al-Anam (Das Vieh, 6:125) heißt es:

„Wen Allah rechtleiten will, dem tut Er die Brust auf für den Islām. Und wen Er in die Irre gehen lassen will, dem macht Er die Brust eng und bedrängt, so als ob er in den Himmel hochsteigen sollte. So legt Allah den Greuel auf diejenigen, die nicht glauben.“

In diesen und zahlreichen anderen Koransuren wird deutlich, dass nur Gott in der Lage ist, die Herzen der Menschen für den Glauben zu öffnen oder zu verschließen. Welche Zwänge wir Menschen dabei ausüben, spielt keine Rolle.

An dieser Stelle soll gesagt sein, dass die hieraus folgende Annahme, dass nur Gott selbst über Glauben oder Unglauben in den Herzen der Menschen und damit auch über den persönlichen Weg in den Himmel oder die Hölle entscheidet, natürlich bei vielen Lesern zum Eindruck führen kann, Gott handle willkürlich und ungerecht. Immerhin bestimmt demnach nur er, wer nach seinem Tod erlöst wird und wer Höllenqualen leiden muss. Dieser Logik folgend wäre es auch egal, ob sich jemand auf dieser Welt bemüht, ein guter Mensch zu sein. Sein Weg wäre bereits vorgezeichnet und er könnte nichts dagegen unternehmen. Der freie Wille wäre nicht existent, sondern jeder Mensch seinem Schicksal ausgeliefert. Ausgehend vom säkularen Standpunkt würde ich dieser Auffassung nicht widersprechen.

Es muss aber eins klar sein: Ich als gläubiger Muslim bewege mich hier im theologischen Argumentationsrahmen, der einen allmächtigen Gott beinhaltet. Könnte Gott nicht auch darüber entscheiden, wer gläubig wird und wer nicht, wäre er per Definition nicht allmächtig. Das alles schließt übrigens einen freien Willen beim Menschen nicht zwingend aus. Es ist einfach so, dass Gott schon vorher über alle Möglichkeiten Bescheid weiß, für die wir uns entscheiden können und er somit von unserer Entscheidung, wenn sie dann irgendwann in die Tat umgesetzt wird, nicht überrascht sein kann. Er weiß einfach vor uns, wie wir uns entscheiden werden. Das kann man Schicksal nennen. Trotzdem können wir uns unserem Schicksal nicht ausgeliefert fühlen, da wir es mit all seinen Wendungen selbst nicht kennen (im Gegensatz zu Gott). Wir empfinden unsere Entscheidungen als die Ausübung unseres freien Willens.

Update: Ein Leserkommentar veranlasst mich, an dieser Stelle klarzustellen, dass ich natürlich nicht an einen ungerechten Gott glaube. Ich glaube an Gottes Barmherzigkeit als eine seiner Kerneigenschaften, die als Formel „Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen“ jede Koransure einleitet. Ich denke nicht, dass auch nur ein Mensch von Gott willkürlich in die Irre geführt wird, wenngleich sich mir der komplette Sinn solcher Verse auch nach Jahren des Nachdenkens immer noch nicht komplett erschließt. Aber ich denke, dass jeder Gläubige bestimmte Sachverhalte aushalten muss, die ihm als Widersprüche erscheinen. Der Koran versichert aber, dass sämtliche Unklarheiten am Jüngsten Tag aus dem Weg geräumt werden und keinem auch nur ein Sandkörnchen Unrecht widerfahren wird.

Doch kommen wir zurück zur Grundthese, die überprüft werden soll: Sieht der Islam eine Todesstrafe für Apostaten vor?

Befasst man sich mit den wichtigsten Quellen der Scharia, dem Koran und den Hadithen (den überlieferten Aussprüchen des Propheten Mohammed s.a.w.s.) kommt man zu keinem eindeutigen Ergebnis. Es wird vielmehr deutlich, dass die Sache ziemlich kompliziert ist.

Fakt ist: Die wichtigste Quelle des islamischen Glaubens und des islamischen Rechts, der Koran, sieht im Diesseits keine Todesstrafe für Apostaten vor, obwohl die Apostasie mehrfach erwähnt wird.

Diese Einschätzung teilt u.a. auch der Fiqh Council of North America (Gremium von bekannten islamischen Gelehrten, das Muslime bei der Anwendung des Scharia-Rechts berät).

Die entsprechenden Koranverse beziehen sich ausschließlich auf die göttliche Strafe im Jenseits, die ein Apostat zu erwarten hat:

Sure Al-i-IImran (Die Sippe Imrans, 3:86-91)
„Wie sollte Allah ein Volk rechtleiten, das (wieder) ungläubig wurde, nachdem es den Glauben (angenommen) hatte und (nachdem) es bezeugt hatte, daß der Gesandte wahrhaft ist, und (nachdem) zu ihm die klaren Beweise gekommen waren! Und Allah leitet nicht das ungerechte Volk recht. Der Lohn jener ist, daß auf ihnen der Fluch Allahs und der Engel und der Menschen allesamt liegt, ewig darin zu bleiben. Die Strafe soll ihnen nicht erleichtert noch soll ihnen Aufschub gewährt werden, – außer denjenigen, die nach alledem bereuen und verbessern, so ist Allah Allvergebend und Barmherzig. Jene (aber), die ungläubig werden, nachdem sie den Glauben (angenommen) haben, und hierauf an Unglauben zunehmen, deren Reue wird nicht angenommen werden, und jene sind die Irregehenden. Gewiß, diejenigen, die ungläubig geworden sind und als Ungläubige sterben, – von keinem von ihnen würde die (ganze) Erde voll Gold angenommen werden, auch wenn er sich damit loskaufen wollte. Für jene wird es schmerzhafte Strafe geben; und sie werden keine Helfer haben.

Sure an-Nahl (Die Bienen, 16:106-109)
„Wer Allah verleugnet, nachdem er den Glauben (angenommen) hatte – außer demjenigen, der gezwungen wird, während sein Herz im Glauben Ruhe gefunden hat –, doch wer aber seine Brust dem Unglauben auftut, über diejenigen kommt Zorn von Allah, und für sie wird es gewaltige Strafe geben. Dies (wird sein), weil sie das diesseitige Leben mehr lieben als das Jenseits und weil Allah das ungläubige Volk nicht rechtleitet. Das sind diejenigen, deren Herzen, Gehör und Augenlicht Allah versiegelt hat; und das sind (überhaupt) die Unachtsamen. Zweifellos sind sie im Jenseits die Verlierer.“

Das Grundmotiv bei der mehrfachen Erwähnung der Apostaten im Koran ist die Androhung der ewigen Höllenstrafe und die Möglichkeit der Umkehr zum Islam vor dem Tod. Dies geht allerdings mit einer Bestrafung durch Menschen im Diesseits nicht einher. Logisch betrachtet würde der Apostat durch eine Todesstrafe sogar vorzeitig um die Möglichkeit gebracht, zum Islam zurückzukehren.

Der bekannteste Vertreter der islamischen Reformbewegung des 20. Jahrhunderts, Raschīd Ridā († 1935), Schüler von Muhammad Abduh († 1905), verweist in seiner Fatwa in der Zeitschrift al-Manār, dem Sprachrohr der Reformbewegung in Ägypten, auf Sure 4, Vers 90 (an-Nisa, die Frauen), um zu begründen, dass der Koran keine Todesstrafe für Apostasie vorsieht:

„Wenn sie sich (nun) von euch fernhalten und nicht gegen euch kämpfen und euch ihre Bereitschaft erklären, sich (künftig) friedlich zu verhalten (und keinen Widerstand mehr zu leisten), gibt euch Gott keine Möglichkeit, gegen sie vorzugehen.“

Er fährt fort:

„Als Antwort auf diejenigen, die der Ansicht sind, daß sie (die im Koran genannten) entweder Muslime waren, oder (nur) vorgaben, dem Islam anzugehören und dann von der Religion abfielen, besagt der Vers als Rechtsvorschrift, daß die Apostaten nicht getötet werden, wenn sie friedfertig sind und nicht kämpfen. Es gibt im Koran keinen Beleg für die Tötung des Apostaten, der das Gotteswort ‚Wenn sie sich (nun) von euch fernhalten und nicht gegen euch kämpfen…‘ usw. abrogiert.“

Auch in der Islamwissenschaft herrscht die Auffassung vor, dass keine Textstelle im Koran eine Aufforderung zur Bestrafung von Apostaten mit dem Tode im Diesseits beinhaltet.

Yale-Professor Frank Griffel begründet diese These in seinem Buch „Apostasie und Toleranz im Islam. Die Entwicklung zu al-Gazalis Urteil gegen die Philosophie und die Reaktionen der Philosophen“ (2000) folgendermaßen:

„Der Koran fordert für Apostaten, d. h. ‚jene, die ungläubig sind, nachdem sie gläubig waren‘, keine Todesstrafe. Wenn einige Verse in einem gegenteiligen Sinn interpretiert werden, so sind dies apologetische Bemühungen der Vereinheitlichung zwischen Koran und späteren Entwicklungen in der Traditionsliteratur über den Propheten und in der Rechtswissenschaft (hadit und fiqh). Der Koran setzt Apostaten in einen höchst unbestimmten locus poenitentiae, der sowohl die diesseitige wie die jenseitige Welt betrifft. Die Strafe wird jedoch nicht von der Gemeinschaft der Muslime gegen Apostaten ausgesprochen oder ausgeführt. Der Koran fordert niemanden auf, einen Apostaten zu bestrafen oder gar zu töten.“ (S.27 f.)

Was Griffel jedoch als „apologetische Bemühungen der Vereinheitlichung“ zwischen dem Koran und den Hadithen (überlieferte Aussprüche und Anweisungen des Propheten Mohammed s.a.w.s.) bezeichnet, ist der Kern des Problems:

Die Hadithliteratur, die zweitwichtigste Quelle der islamischen Jurisprudenz (Fiqh), kann bei entsprechender Lesart dafür benutzt werden, die Todesstrafe bei Apostasie zu legitimieren.

Der Prophetenspruch „Wer seine Religion wechselt, dem schlagt den Kopf ab“ erscheint in der kodifizierten Rechtsliteratur erstmals im Muwatta‘ des medinensischen Gelehrten Malik ibn Anas als Rechtsdirektive Mohammeds s.a.w.s., allerdings mit einem zunächst unvollständigen Isnad (Überlieferungskette eines Hadith, die als Stütze für die Authentizität einer Aussage des Propheten Mohammed s.a.w.s. dient). Dieser überlieferte Spruch ist die Grundlage für den spätestens seit dem 8. Jahrhundert bestehenden Konsens (Idschmāʿ) der islamischen Rechtsgelehrten in der Frage der Bestrafung bei Apostasie. Es ist auch der von den Befürwortern der Todesstrafe meistzitierte Hadith.

Es gibt zwar auch noch weitere Hadithe, die dafür herangezogen werden, die Todesstrafe bei Apostasie zu legitimieren, doch dazu später mehr.

Ich kann mir nämlich vorstellen, dass die nicht-muslimischen Leser (und vielleicht auch viele muslimische) an dieser Stelle den Faden verloren haben. Es ist nötig, zunächst einige Begriffe und Sachverhalte zu klären.

Die islamische Rechtsfindung

Das islamische Recht (Scharia) speist sich aus zwei Hauptquellen: dem Koran und der Sunna (Handlungsweise des Propheten). Die Sunna wiederum speist sich zum großen Teil aus den Hadithen (überlieferte Aussprüche und Anweisungen des Propheten Mohammed s.a.w.s.). Der Koran ist die primäre Rechtsquelle, die Sunna die sekundäre. Der Koran ist Gottes offenbartes, unverändertes Wort. Die Hadithe sind Überlieferungen von Gefährten Mohammeds s.a.w.s. und anderen Menschen, denen er in seinem Leben begegnet ist. Die jeweiligen Überlieferungsketten werden „Isnad“ genannt und dienen als Stütze für die Authentizität der Aussagen. Die Ketten haben verschiedene Qualitäten – es gibt sowohl unterbrochene Überlieferungsketten als auch Überlieferungsketten, die direkt bis zum Propheten zurückreichen sollen. Es gibt Überlieferungsketten, die eher als unglaubwürdig (schwach) eingestuft werden und es gibt solche, die als sehr vertrauenswürdig (fest) eingestuft werden. Die Sunna mit den Hadithen ist die zweite Rechtsquelle des Islams, da die Autorität des Propheten im Koran mehrfach betont wird:

„O die ihr glaubt, gehorcht Allah und Seinem Gesandten, und kehrt euch nicht von ihm ab, wo ihr doch hört!“ (Sure 8:20)

„Sprich: Gehorcht Allah und dem Gesandten. Doch wenn sie sich abkehren, so liebt Allah die Ungläubigen nicht.“ (Sure 3:32)

„O die ihr glaubt, gehorcht Allah und gehorcht dem Gesandten und den Befehlshabern unter euch! Wenn ihr miteinander über etwas streitet, dann bringt es vor Allah und den Gesandten, wenn ihr wirklich an Allah und den Jüngsten Tag glaubt. Das ist am besten und am ehesten ein guter Ausgang.“ (Sure 4:59)

„Aber nein, bei deinem Herrn! Sie glauben nicht eher, bis sie dich über das richten lassen, was zwischen ihnen umstritten ist, und hierauf in sich selbst keine Bedrängnis finden durch das, was du entschieden hast, und sich in voller Ergebung fügen.“ (Sure 4:65)

„Wer dem Gesandten gehorcht, der gehorcht Allah, und wer sich abkehrt, – so haben Wir dich nicht als Hüter über sie entsandt.“ (Sure 4:80)

etc.

Zuerst prüfen die Rechtsgelehrten also, ob der Koran in einem bestimmten Fall eine klare Anweisung enthält. Falls dies nicht der Fall ist, werden die Hadithe herangezogen. Wenn danach unter den islamischen Rechtsgelehrten immer noch kein Konsens besteht (Idschmāʿ), wird eine bestimmte Form des Analogieschlusses (Qiyās) als Mittel zur Normenfindung in der islamischen Jurisprudenz (Fiqh) angewandt. Weitere Quellen der Jurisprudenz sind die „Entscheidung nach eigenem Ermessen“ des Juristen (Ra’y) – dort, wo weder der Koran noch die Sunna als primäre Quellen bei einer Rechtsentscheidung herangezogen werden können, das Gewohnheitsrecht (Urf, vorislamische Rechtspraktiken, die in der islamischen Expansionsphase in großem Umfang in die Scharia übernommen wurden) und der Idschtihād (die selbständige Interpretation der Rechtsquellen, die im orthodoxen Islam durch den Einfluss des Konsenses immer weiter zurückgedrängt worden ist und heute kaum noch ausgeübt wird). Liberale, säkulare Muslime wie die kanadische Autorin Irshad Manji fordern die Wiedereinführung des Idschtihad.

Nach diesem kleinen islamischen Rechtsexkurs wird deutlich, worin das Dilemma in unserem speziellen Fall besteht: Während der Koran keine ausdrücklicke Bestrafung von Apostaten im Diesseits vorsieht, ist der Prophetenspruch „Wer seine Religion wechselt, dem schlagt den Kopf ab“ ziemlich eindeutig.

Auch andere Hadithe wie die Nr. 6878 in der Hadith-Sammlung Sahih Al-Buharyy (deutsche Ausgabe 2010) gehen in eine ähnliche Richtung, obwohl sie nicht ausdrücklich die Todesstrafe befehlen:

…Abdullah berichtete, dass der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Friede auf ihm, sagte: „Das Blut eines Muslims, der bezeugt hat, dass kein Gott da ist außer Allah, darf nicht vergossen werden, außer in einem der drei Fälle: Im Fall der Wiedervergeltung für Mord, im Fall der Unzucht durch einen Verheirateten, und wenn derjenige von seinem Glauben abfällt und seine Bindung zur Gemeinschaft (der Muslime) löst.“

Die islamischen Rechtsgelehrten standen also damals vor dem Problem, diese beiden Positionen vereinen zu müssen, um eine islamkonforme Rechtsprechung zu entwickeln. Schließlich wurde die Todesstrafe für Apostaten durch einen Konsens (Idschmāʿ) der islamischen Rechtsgelehrten in die Scharia implementiert. Saudi-arabische Richter berufen sich auch im Jahr 2016 noch auf diesen Gelehrtenkonsens. Deswegen sitzt Ashraf Fayadh in der Todeszelle – sofern er sich überhaupt der Apostasie schuldig gemacht hat.

Was spricht dagegen?

  • Die Tatsache, dass der Koran in keiner Sure die Todesstrafe für Apostaten vorsieht, wenngleich die Apostasie mehrfach thematisiert wird
  • Der Umstand, dass die Überlieferungskette des stärksten Pro-Todesstrafe-Hadith kritikwürdig ist
  • Der Hadith Nr. 2453 aus der Sammlung Sahih Muslim, in dem davon berichtet wird, dass der Prophet Mohammed s.a.w.s. einen Beduinen ohne Bestrafung aus Medina ziehen ließ, obwohl dieser seinen Treueschwur ihm gegenüber zurücknahm
  • Die im Koran an zahlreichen Stellen verbriefte Gewissens- und Glaubensfreiheit

Haben wir nun eine Antwort auf unsere Frage?

An diesem Beispiel wird jedenfalls deutlich, dass auch die wichtigsten islamischen Rechtsquellen der menschlichen Interpretation bedürfen. Auch islamische Rechtsgelehrte können in bestimmten Fragen zu unterschiedlichen Auffassungen kommen. Während in Ländern wie Saudi-Arabien Apostaten mit dem Tod bestraft werden, sprechen sich andere muslimische Gelehrten-Räte wie der nordamerikanische Fiqh-Council dagegen aus. Ali Guma, bis 2013 Großmufti und Ägyptens oberster Rechtsgutachter, lehnte 2007 die weltliche Bestrafung abtrünniger Muslime ab, weil die Strafe im Jenseits erfolge. Hinzu kommt das Grundproblem der Authentizität oft mündlich überlieferter Hadithe. Es besteht also sogar aus rein theologischer Sicht in diesem speziellen Fall die Möglichkeit, die Rechtsquellen human auszulegen. Man muss es nur wollen. Es ist wichtig, islamischen Strömungen, die einer humanen Auslegung entgegenstehen, die Deutungshoheit zu entziehen. Vor dieser großen Aufgabe steht die islamische Weltglaubensgemeinschaft (Umma), wenn sie die Menschenrechte wahren und mit dem Rest der Welt friedlich koexistieren möchte.

Mein persönliches Fazit

Das vorliegende Quellenmaterial reicht nicht aus, um eine so weitreichende Bestrafung wie die Todesstrafe aus islamischer Sicht zu legitimieren. Immerhin sieht der Koran, die primäre Rechtsquelle und Gottes Wort, keine Bestrafung von Apostaten im Diesseits vor. Auch denke ich, dass eine Wiederbelebung der Idschtihād-Praxis im Jahr 2016 in dieser Frage zu anderen Ergebnissen führen würde als im Jahr 700 n. Chr. Dass ich kein islamischer Rechtsgelehrter bin, darauf weise ich an dieser Stelle natürlich gerne hin.

Ashraf Fayadh wünsche ich, dass das Urteil aus Gründen der Humanität nicht vollstreckt wird.

Vom Glauben abgefallen