Islam und Gewalt – Zeit für Klartext

In der TV-Talkshow „Hart aber fair“ haben die Gäste von Moderator Frank Plasberg am Montagabend über das Thema „Terror im Namen Gottes – hat der Islam ein Gewaltproblem?“ diskutiert. Zu Gast waren Konstantin Schreiber, Moderator der Sendung „Marhaba – Ankommen in Deutschland“ (n-tv), Holger Münch, Präsident des Bundeskriminalamts, Katrin Göring-Eckardt, Fraktionschefin der Grünen, Michael Wolffsohn, Historiker und Publizist sowie Abdassamad El-Yazidi, hessischer Landesvorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland.

Gerade von El-Yazidi hätte man sich bei diesem Thema mehr Klartext erhofft, doch der ZdM-Vertreter zeigte während der Diskussion überhaupt kein Interesse daran, die kontroversen Themen innerhalb der muslimischen Glaubensgemeinschaft anzupacken und sich deutlich zu positionieren:

  • Als es um das Thema Salafismus ging, antwortete El-Yazidi gar nicht auf die ihm gestellte Frage, nämlich ob er es als deutscher Islamvertreter als Niederlage empfinde, dass sich viele junge Menschen den Salafisten anschlössen. Stattdessen setzte er zu einem Referat über die historischen Ursprünge des Salafismus und dessen „historische Verwurzelung im Islam“ an. Jeder in Deutschland meine mit dem Begriff „Salafismus“ etwas anderes, so El-Yazidi. Die Gesellschaft solle sich darauf einigen, Extremismus und Fanatismus nicht zuzulassen, das Problem werde aber nicht gelöst, wenn man ihm den Namen „Salafismus“ gebe.

Natürlich wird das Problem der Radikalisierung nicht alleine dadurch gelöst, dass man das Augenmerk auf die salafistische Strömung innerhalb des Islams richtet, aber ein erster wichtiger Schritt ist es allemal. Immerhin sind es vor allem die Salafisten, die offensiv in Deutschlands Fußgängerzonen und vielen Moscheen um neue Leute werben. Nicht wenige bezeichnen sie als die „besseren Sozialarbeiter“. Salafistische „Popstars“ wie Pierre Vogel mit dutzenden von Youtube-Videos sind zu Identifikationsfiguren vieler Jugendlicher aus muslimischen, aber auch nicht-muslimischen Familien geworden. Warum ist das gefährlich? Weil so gut wie alle Gefährder aus dem islamistischen Spektrum, denen das BKA zutraut, in Deutschland terroristische Anschläge zu begehen, gleichzeitig Salafisten sind. Weil so gut wie alle Syrien-Kämpfer aus Deutschland Salafisten sind. Weil Extremismus und Fanatismus etwas mit Salafismus zu tun haben. Das sollte ein deutscher Islamvertreter in einer TV-Talkshow nicht unter den Teppich kehren. Und nein, nicht jeder in Deutschland versteht unter „Salafismus“ etwas anderes. Eher ist es so, dass eigentlich alle das Gleiche unter „Salafismus“ verstehen: Männer mit langen Bärten, Häkelmützen und weiten Gewändern. Und das ist gar nicht so falsch, da sich die Salafiyya-Bewegung geistig auf die „Altvorderen“ rückbesinnt. Damit sind vor allem der Prophet Mohammed und die ersten drei Generationen von Muslimen gemeint. Salafisten kleiden sich wie die Muslime vor 1400 Jahren, sie idealisieren die damalige „Umma“ (muslimische Weltglaubensgemeinschaft) und sehen das Leben, wie es damals war, als Blaupause für alle Muslime an, auch im Jahr 2016. Historische Kontextualisierung lehnen sie zu Gunsten des Buchstabenglaubens ab. Salafisten sind im Wortsinn „fundamentalistisch“, da sie sich in ihrem Handeln ausschließlich vom Koran und der Sunna (Leben, Worte und Taten des Propheten Mohammed) leiten lassen. Sie verstehen sich als die einzig wahre Gemeinschaft der Gläubigen und sind der Überzeugung, dass nur sie den Islam so leben, wie es Gott vorgeschrieben hat. Das hat zur Folge, dass unter Salafisten der Anteil derer, die Takfir praktizieren, also andere Muslime zu Ungläubigen erklären, wesentlich höher ist als in anderen islamischen Strömungen. So kommen viele Experten zu dem Schluss, dass der Salafismus eher eine Ideologie ist, die den Islam pervertiert. Hätte El-Yazidi den nicht-muslimischen Zuschauern eine Begriffserklärung liefern wollen, hätte er dies mit obigen Ausführungen tun können. Stattdessen sprach er nebulös von einer „historischen Verwurzelung im Islam“, so dass der neutrale Beobachter erst recht den Eindruck bekommen konnte, Intoleranz und Fundamentalismus gehörten schon seit Jahrhunderten zum Wesen des Islams.

  • Nachdem Michael Wolffsohn die Behauptung aufgestellt hatte, der Islam hänge dem Judentum und dem Christentum in der Frage der Interpretation der heiligen Schrift hinterher, versuchte El-Yazidi diese These mit der Schlussfolgerung zu entkräften, dass dann 1,5 Milliarden Muslime auf der Welt alle Terroristen sein müssten. Nein, dann müssten sogar sämtliche Anhänger abrahamitischer Religionen, also auch Juden und Christen, alle Terroristen sein, denn alle beriefen sich auf denselben Gott.

Was für eine absurde Logik und totale Dialogverweigerung. El-Yazidi scheint es zu reichen, dass die Mehrheit der Muslime friedlich ist; er leitet daraus eine generelle Friedfertigkeit des Islams ab, obwohl sich bereits tausende Terroristen im Namen Allahs in die Luft gesprengt haben und dabei abertausende unschuldiger Opfer mit in den Tod gerissen haben. Über die Gründe für solche Taten möchte er gar nicht offen debattieren, denn sie sind seiner Meinung nach überall, aber nicht im Islam zu suchen. El-Yazidi steht stellvertretend für die meisten islamischen Verbände in Deutschland, die nicht bereit sind, sich mit dem eigenen Glauben kritisch auseinanderzusetzen. Warum sollten es dann die einzelnen Gläubigen tun, wenn ihnen sogar ihre Dachverbände ständig das Gefühl vermitteln, es gebe kein Problem? Alles in Ordnung, wir machen weiter wie bisher. Innerislamische Kritik? Unbegründet. Wenn wir alle Terroristen wären, ja dann müssten wir mal reden. Bis dahin: Lippenbekenntnisse, Distanzierungen, aber bloß keine Debatten, die wehtun könnten.

  • Unangenehme Fragen mit Gegenfragen beantworten: Frank Plasberg ließ den Bundestagspräsidenten Norbert Lammert in einem Einspieler die Frage stellen, warum noch immer im Namen Allahs Menschen verfolgt, drangsaliert und getötet werden. El-Yazidis Reaktion: Er könne Herrn Lammert auch fragen, warum die Menschen im Namen Jesu oder sonstiger Ideologien getötet werden.

Das könnte er natürlich. Aber wäre das die Antwort auf die Frage? Oder wäre das ein erneuter Rückzug in die Opferrolle, die viele Muslime und muslimische Verbände seit Jahren einnehmen? Mit einer solchen Gesprächsführung kann kein fruchtbarer Dialog entstehen. Das sollte Muslimen bewusst sein. Und vor allem trägt eine solche Trotzhaltung nichts zur Lösung tatsächlich existierender Probleme bei: Was ist mit der Toleranz gegenüber Anders- und Nichtgläubigen, der Gleichstellung der Frau, den patriarchalen Strukturen in den Familien, der religiösen Angstpädagogik, der Unterdrückung der natürlichen Sexualität und der pathologisch anmutenden Sexualisierung von kleinen Mädchen und jungen Frauen?

Diese Themen müssen Muslime in einer innerislamischen Debatte diskutieren. Es ist unreif, die eigenen Unzulänglichkeiten mit den Unzulänglichkeiten anderer zu entschuldigen. Muslime werden ihre Probleme nicht lösen, indem sie mit dem Finger auf die moralischen Verfehlungen anderer zeigen. Das ist billig und das haben Muslime nicht nötig. Finde ich zumindest. Das ist auch keine Debatte, die die nichtmuslimische Mehrheitsgesellschaft über die Köpfe der Muslime hinweg führen sollte. Es ist somit auch nicht nötig, dass jeder Deutsche zum Islamexperten mutiert, um Gewalt im islamischen Kontext kritisieren zu dürfen. Kritik darf jeder äußern, auch derjenige, der keine acht Semester islamische Theologie studiert hat. Totschlagargumente wie „Es gibt nicht DEN Islam“ bringen uns nicht weiter. Muslime müssen sich kritisch mit ihrem Glauben auseinandersetzen und dabei darf es keine Tabus geben. Nur so können wir uns irgendwann von den selbst auferlegten Fesseln lösen, die uns tagtäglich die Luft abschnüren.

Islam und Gewalt – Zeit für Klartext

Was Rechtspopulisten und Islamisten gemeinsam haben

AfD-Chefin Frauke Petry (Foto: blu-news.org [CC BY-SA 2.0], via Wikimedia Commons
Radikale Islamisten teilen die Welt in Gut und Böse ein: in Gläubige (Mu’min) und Ungläubige (Kuffar). Es ist ein dualistisches Weltbild, das einfache Antworten auf komplexe Fragen liefert. Vor allem deshalb fühlen sich manche (junge) Europäer, die nach Orientierung und Lebenssinn in einer unübersichtlichen und scheinbar sinnlosen Welt suchen, von dschihadistischen Terrororganisationen wie dem IS angezogen. Es gibt ein klar eingegrenztes Feindbild, das man für sämtliche Probleme (also auch die eigenen) verantwortlich machen kann. Gleichzeitig erfährt man einen enormen Selbstbewusstseinsschub, denn man gehört nun zu den „Guten“ und fühlt sich seinen Feinden moralisch überlegen.

Rechtspopulisten teilen die Welt in Gut und Böse ein: in Inländer und Ausländer. Es ist ein dualistisches Weltbild, das einfache Antworten auf komplexe Fragen liefert. Vor allem deshalb fühlen sich manche (junge) Europäer, die nach Orientierung und Lebenssinn in einer unübersichtlichen und scheinbar sinnlosen Welt suchen, von rechtspopulistischen Parteien wie der Front National (Frankreich), der Partij voor de Vrijheid (Niederlande) oder der FPÖ (Österreich) angezogen. Es gibt ein klar eingegrenztes Feindbild, das man für sämtliche Probleme (also auch die eigenen) verantwortlich machen kann. Gleichzeitig erfährt man einen enormen Selbstbewusstseinsschub, denn man gehört nun zu den „Guten“ und fühlt sich seinen Feinden moralisch überlegen.

Europa droht angesichts der Flüchtlingskrise und Terror-Angst nach rechts zu driften. In zahlreichen Ländern steigen die Umfragewerte von rechtspopulistischen Parteien – wenn sie nicht schon die jeweilige Landesregierung stellen. Das ARD-Europamagazin hat in einem aktuellen Beitrag die Situation skizziert:

  • In den Niederlanden ist die Partij voor de Vrijheid (Partei für die Freiheit) des Islamfeinds Geert Wilders mit 20,4 Prozent derzeit die umfragestärkste Partei.
  • Die rechtspopulistischen Sverigedemokraterna (Schwedendemokraten) sind in aktuellen Umfragen mit 16,7 Prozent drittstärkste Kraft.
  • Seit den Parlamentswahlen 2015 ist die rechtspopulistische Partei Perussuomalaiset (Die Finnen) Teil der Regierungskoalition in Finnland. Seitdem sind die Ausländergesetze massiv verschärft worden.
  • Die rechtsextreme Front National von Parteichefin Marine Le Pen hat zwar die letzten Regionalwahlen in Frankreich verloren, aber der anhaltende Ausnahmezustand seit den Pariser Terroranschlägen und die Ängste vieler Bürger vor den Folgen der Flüchtlingskrise machen die Partei trotz faschistischem Gedankengut und vordemokratischer Wirtschaftskonzepte für eine wachsende Zahl von Menschen wählbar.
  • Spätestens Ende 2017 stimmen die Briten in einem Referendum über einen EU-Austritt ab (Brexit). Premierminister David Cameron verhandelt mit der EU über Ausnahmen und Sonderregelungen für Großbritannien, um einen Brexit zu verhindern. Dabei geht es auch um die Einschränkung von Sozialleistungen für EU-Bürger, die in Großbritannien leben. Das würde rund eine Million Polen betreffen, die den größten Teil der EU-Arbeitsmigranten auf der Insel ausmachen. Die Tatsache, dass dies wiederum der PiS-Regierung in Warschau überhaupt nicht gefällt und Cameron deswegen zu einem Besuch anreisen muss, um die Wogen zu glätten, entlarvt die Doppelmoral der Nationalisten und Abschottungspolitiker innerhalb der EU.

Es ist offenkundig, was all diese Rechtspopulisten, Nationalisten und Rechtsextreme mit Dschihadisten gemeinsam haben: das dualistische Weltbild, das nur Schwarz und Weiß kennt – ohne Grautöne, geschweige denn Farben.

Doch nicht nur das: Europäische Rechte und Islamisten brauchen einander. Ohne die Angst vor dem Fremden, ohne die Angst vor anderen Kulturen oder Religionen gäbe es keine AfD und keine Front National. Sie instrumentalisieren Flüchtlingskrise und Terror-Angst, um pauschal eine ganze Glaubensgemeinschaft unter Generalverdacht zu stellen.

Doch genau das spielt den Islamisten in die Hände. Sie wollen eine Spaltung der Gesellschaft. Sie wollen eine Radikalisierung gemäßigter Muslime, die den Anfeindungen rechter Scharfmacher und deren Anhänger ausgesetzt sind. Sie wollen zwei klar umrissene Lager, die sich bekämpfen – ungefähr so wie bei Hooligans gegen Salafisten in Köln 2014. Da galt nur: „Wir gegen die.“ Das ist einfach, das verstehen selbst Menschen mit einem IQ knapp über Zimmertemperatur.

Wir sollten nicht den einfachen Weg wählen, weil die meisten von uns wissen, dass es eben nicht so einfach ist, wie es uns die Hassprediger aus beiden Lagern weismachen wollen. Die Welt ist nicht nur schwarz oder weiß. Die Welt ist ein Regenbogen, um es pathetisch auszudrücken. Mit allen nur erdenklichen Farbnuancen. Genau deswegen müssen wir Farbe bekennen.

Buchstabenglaube ist keine islamische Erfindung

Es ist auch nicht hilfreich, Muslime ständig mit kriegerischen Koranversen zu konfrontieren und sie zu befragen, wie sie dazu stehen. Aktuell leben rund vier Millionen Muslime in Deutschland, ohne dass ein Glaubenskrieg ausgebrochen ist. Das Fußgängerzonen-Quiz „Koran oder Bibel?“ zeigt, dass der Islam kein Monopol auf Grausamkeiten oder patriarchalische Haltungen hat. Muslime haben keine größere Pflicht, buchstabengläubig zu sein als Christen oder Juden. Das denken höchstens Menschen, die sich noch nie mit einem Muslim unterhalten haben. Wo ist die Wahrscheinlichkeit dafür am höchsten? Genau, in weiten Teilen Ostdeutschlands, wo Pegida und AfD kräftig gedeihen.

Die meisten Muslime in Deutschland wollen in Harmonie und Frieden mit ihren Nachbarn leben und die meisten muslimischen Flüchtlinge fliehen vor brutalen Islamisten, die ihre Länder in Schutt und Asche gelegt haben – sei es in Syrien oder in Afghanistan. Diese Menschen haben bestimmt keinen Krieg gegen die deutschen „Ungläubigen“ im Sinn, sondern wollen nur Frieden für sich und ihre Familien. In vielen Fällen messen sie der Religion gar keine so große Bedeutung bei, wie viele der besorgten Bürger glauben möchten. Die Gefahr von getarnten Terroristen, die mit dem Flüchtlingsstrom nach Deutschland kommen, ist real. Doch die Rechtspopulisten belassen es nicht bei dieser Erkenntnis, sondern nutzen sie, um den Kampf der Kulturen mit Pauschalisierungen zu befeuern.

Wer am lautesten schreit, hat nicht automatisch recht. Und wer nur einfache Antworten auf schwierige Fragen liefert, sollte einem mündigen Menschen verdächtig vorkommen. Es spielt keine Rolle, ob es sich dabei um einen Rechtspopulisten oder einen Islamisten handelt. Denn beide leben von der Angst, dem Hass und der Intoleranz der Menschen, ohne ernsthafte Lösungsvorschläge für die Probleme dieser Welt bieten zu können. Sie tun so, als wüssten sie es besser, doch unter ihrer Herrschaft würde alles zugrunde gehen, wofür europäische Staaten jahrhundertelang gekämpft haben: Freiheit, Gleichheit, Toleranz.

Abschottung und das Zurückfallen in längst überholte Denkmuster können weder bei der Flüchtlingskrise noch bei irgendeinem anderen Problem, das durch die Globalisierung entstanden ist, die Lösung sein. AfD-Wähler müssen nur nach Polen und Ungarn schauen, um zu erfahren, wie die Alternative für Deutschland konkret aussehen könnte. Würden sie das derzeitige Deutschland wirklich dafür eintauschen wollen? Ich glaube nicht. Selbst die urdeutschen Wutbürger, die sich von einer AfD-Regierung einen persönlichen Vorteil erhoffen, würden sich angesichts der unsozialen Politik enttäuscht abwenden. Doch für einen Meinungsumschwung könnte es in einem antidemokratischen System, das nicht viel von Meinungsfreiheit hält, zu spät sein. Deswegen sollte die Büchse der Pandora gar nicht erst geöffnet werden.

Was können wir tun?

Den unbequemen Weg gehen: differenzieren, (uns selbst) hinterfragen, besonnen bleiben, aber auch den Mund aufmachen.

Es steht nicht weniger als ein geeintes, demokratisches und pluralistisches Europa auf dem Spiel.

 

Was Rechtspopulisten und Islamisten gemeinsam haben