Islam und Gewalt – Zeit für Klartext

In der TV-Talkshow „Hart aber fair“ haben die Gäste von Moderator Frank Plasberg am Montagabend über das Thema „Terror im Namen Gottes – hat der Islam ein Gewaltproblem?“ diskutiert. Zu Gast waren Konstantin Schreiber, Moderator der Sendung „Marhaba – Ankommen in Deutschland“ (n-tv), Holger Münch, Präsident des Bundeskriminalamts, Katrin Göring-Eckardt, Fraktionschefin der Grünen, Michael Wolffsohn, Historiker und Publizist sowie Abdassamad El-Yazidi, hessischer Landesvorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland.

Gerade von El-Yazidi hätte man sich bei diesem Thema mehr Klartext erhofft, doch der ZdM-Vertreter zeigte während der Diskussion überhaupt kein Interesse daran, die kontroversen Themen innerhalb der muslimischen Glaubensgemeinschaft anzupacken und sich deutlich zu positionieren:

  • Als es um das Thema Salafismus ging, antwortete El-Yazidi gar nicht auf die ihm gestellte Frage, nämlich ob er es als deutscher Islamvertreter als Niederlage empfinde, dass sich viele junge Menschen den Salafisten anschlössen. Stattdessen setzte er zu einem Referat über die historischen Ursprünge des Salafismus und dessen „historische Verwurzelung im Islam“ an. Jeder in Deutschland meine mit dem Begriff „Salafismus“ etwas anderes, so El-Yazidi. Die Gesellschaft solle sich darauf einigen, Extremismus und Fanatismus nicht zuzulassen, das Problem werde aber nicht gelöst, wenn man ihm den Namen „Salafismus“ gebe.

Natürlich wird das Problem der Radikalisierung nicht alleine dadurch gelöst, dass man das Augenmerk auf die salafistische Strömung innerhalb des Islams richtet, aber ein erster wichtiger Schritt ist es allemal. Immerhin sind es vor allem die Salafisten, die offensiv in Deutschlands Fußgängerzonen und vielen Moscheen um neue Leute werben. Nicht wenige bezeichnen sie als die „besseren Sozialarbeiter“. Salafistische „Popstars“ wie Pierre Vogel mit dutzenden von Youtube-Videos sind zu Identifikationsfiguren vieler Jugendlicher aus muslimischen, aber auch nicht-muslimischen Familien geworden. Warum ist das gefährlich? Weil so gut wie alle Gefährder aus dem islamistischen Spektrum, denen das BKA zutraut, in Deutschland terroristische Anschläge zu begehen, gleichzeitig Salafisten sind. Weil so gut wie alle Syrien-Kämpfer aus Deutschland Salafisten sind. Weil Extremismus und Fanatismus etwas mit Salafismus zu tun haben. Das sollte ein deutscher Islamvertreter in einer TV-Talkshow nicht unter den Teppich kehren. Und nein, nicht jeder in Deutschland versteht unter „Salafismus“ etwas anderes. Eher ist es so, dass eigentlich alle das Gleiche unter „Salafismus“ verstehen: Männer mit langen Bärten, Häkelmützen und weiten Gewändern. Und das ist gar nicht so falsch, da sich die Salafiyya-Bewegung geistig auf die „Altvorderen“ rückbesinnt. Damit sind vor allem der Prophet Mohammed und die ersten drei Generationen von Muslimen gemeint. Salafisten kleiden sich wie die Muslime vor 1400 Jahren, sie idealisieren die damalige „Umma“ (muslimische Weltglaubensgemeinschaft) und sehen das Leben, wie es damals war, als Blaupause für alle Muslime an, auch im Jahr 2016. Historische Kontextualisierung lehnen sie zu Gunsten des Buchstabenglaubens ab. Salafisten sind im Wortsinn „fundamentalistisch“, da sie sich in ihrem Handeln ausschließlich vom Koran und der Sunna (Leben, Worte und Taten des Propheten Mohammed) leiten lassen. Sie verstehen sich als die einzig wahre Gemeinschaft der Gläubigen und sind der Überzeugung, dass nur sie den Islam so leben, wie es Gott vorgeschrieben hat. Das hat zur Folge, dass unter Salafisten der Anteil derer, die Takfir praktizieren, also andere Muslime zu Ungläubigen erklären, wesentlich höher ist als in anderen islamischen Strömungen. So kommen viele Experten zu dem Schluss, dass der Salafismus eher eine Ideologie ist, die den Islam pervertiert. Hätte El-Yazidi den nicht-muslimischen Zuschauern eine Begriffserklärung liefern wollen, hätte er dies mit obigen Ausführungen tun können. Stattdessen sprach er nebulös von einer „historischen Verwurzelung im Islam“, so dass der neutrale Beobachter erst recht den Eindruck bekommen konnte, Intoleranz und Fundamentalismus gehörten schon seit Jahrhunderten zum Wesen des Islams.

  • Nachdem Michael Wolffsohn die Behauptung aufgestellt hatte, der Islam hänge dem Judentum und dem Christentum in der Frage der Interpretation der heiligen Schrift hinterher, versuchte El-Yazidi diese These mit der Schlussfolgerung zu entkräften, dass dann 1,5 Milliarden Muslime auf der Welt alle Terroristen sein müssten. Nein, dann müssten sogar sämtliche Anhänger abrahamitischer Religionen, also auch Juden und Christen, alle Terroristen sein, denn alle beriefen sich auf denselben Gott.

Was für eine absurde Logik und totale Dialogverweigerung. El-Yazidi scheint es zu reichen, dass die Mehrheit der Muslime friedlich ist; er leitet daraus eine generelle Friedfertigkeit des Islams ab, obwohl sich bereits tausende Terroristen im Namen Allahs in die Luft gesprengt haben und dabei abertausende unschuldiger Opfer mit in den Tod gerissen haben. Über die Gründe für solche Taten möchte er gar nicht offen debattieren, denn sie sind seiner Meinung nach überall, aber nicht im Islam zu suchen. El-Yazidi steht stellvertretend für die meisten islamischen Verbände in Deutschland, die nicht bereit sind, sich mit dem eigenen Glauben kritisch auseinanderzusetzen. Warum sollten es dann die einzelnen Gläubigen tun, wenn ihnen sogar ihre Dachverbände ständig das Gefühl vermitteln, es gebe kein Problem? Alles in Ordnung, wir machen weiter wie bisher. Innerislamische Kritik? Unbegründet. Wenn wir alle Terroristen wären, ja dann müssten wir mal reden. Bis dahin: Lippenbekenntnisse, Distanzierungen, aber bloß keine Debatten, die wehtun könnten.

  • Unangenehme Fragen mit Gegenfragen beantworten: Frank Plasberg ließ den Bundestagspräsidenten Norbert Lammert in einem Einspieler die Frage stellen, warum noch immer im Namen Allahs Menschen verfolgt, drangsaliert und getötet werden. El-Yazidis Reaktion: Er könne Herrn Lammert auch fragen, warum die Menschen im Namen Jesu oder sonstiger Ideologien getötet werden.

Das könnte er natürlich. Aber wäre das die Antwort auf die Frage? Oder wäre das ein erneuter Rückzug in die Opferrolle, die viele Muslime und muslimische Verbände seit Jahren einnehmen? Mit einer solchen Gesprächsführung kann kein fruchtbarer Dialog entstehen. Das sollte Muslimen bewusst sein. Und vor allem trägt eine solche Trotzhaltung nichts zur Lösung tatsächlich existierender Probleme bei: Was ist mit der Toleranz gegenüber Anders- und Nichtgläubigen, der Gleichstellung der Frau, den patriarchalen Strukturen in den Familien, der religiösen Angstpädagogik, der Unterdrückung der natürlichen Sexualität und der pathologisch anmutenden Sexualisierung von kleinen Mädchen und jungen Frauen?

Diese Themen müssen Muslime in einer innerislamischen Debatte diskutieren. Es ist unreif, die eigenen Unzulänglichkeiten mit den Unzulänglichkeiten anderer zu entschuldigen. Muslime werden ihre Probleme nicht lösen, indem sie mit dem Finger auf die moralischen Verfehlungen anderer zeigen. Das ist billig und das haben Muslime nicht nötig. Finde ich zumindest. Das ist auch keine Debatte, die die nichtmuslimische Mehrheitsgesellschaft über die Köpfe der Muslime hinweg führen sollte. Es ist somit auch nicht nötig, dass jeder Deutsche zum Islamexperten mutiert, um Gewalt im islamischen Kontext kritisieren zu dürfen. Kritik darf jeder äußern, auch derjenige, der keine acht Semester islamische Theologie studiert hat. Totschlagargumente wie „Es gibt nicht DEN Islam“ bringen uns nicht weiter. Muslime müssen sich kritisch mit ihrem Glauben auseinandersetzen und dabei darf es keine Tabus geben. Nur so können wir uns irgendwann von den selbst auferlegten Fesseln lösen, die uns tagtäglich die Luft abschnüren.

Islam und Gewalt – Zeit für Klartext

Je me désolidarise…

Ich bin gläubiger Muslim und ich distanziere mich von den Terroranschlägen in Belgien, bei denen viele unschuldige Menschen getötet worden sind.

Meine Gedanken sind bei den Familien der Opfer, die sich fragen werden, womit sie es verdient haben, ihre Liebsten wegen der Launen einiger weniger Barbaren verloren zu haben. Diese Barbaren haben Dutzende Einzelschicksale zerstört und sind verantwortlich für lebenslange Depressionen und Traumata, die die Hinterbliebenen plagen werden. Welches kranke Hirn kann sich darüber freuen und welches dumme Hirn kann solche Konsequenzen komplett ausblenden?

Ich distanziere mich von einer religiös motivierten Ideologie, der ein Menschenleben nichts bedeutet. Das gilt sowohl für die unschuldigen Opfer, denen zuvor jegliche menschlichen Eigenschaften von den Tätern aberkannt worden sind, um diese Grausamkeiten zu rechtfertigen, als auch für die Täter, die sich bereitwillig als Kanonenfutter des Islamismus hergegeben haben. Manche haben im letzten Moment kalte Füße bekommen und ihre Sprengstoffweste ausgezogen, so wie Salah Abdeslam, der Chef-Logistiker der Paris-Attentate, den die belgische Polizei am vergangenen Freitag im Brüsseler Stadtteil Molenbeek festgenommen hatte. Vielleicht war es auch der letzte Funken Menschlichkeit, der ihn davon abgehalten hat, den Knopf zu drücken. Sein Bruder hat es durchgezogen. Das Maß der Schuld, das Abdeslam und seine Komplizen auf ihre Schultern geladen haben, ist jedenfalls unvorstellbar und ich weiß beim besten Willen nicht, welche Reaktion sie sich von ihrem Schöpfer, an den sie glauben, am Jüngsten Tag, an den sie auch glauben, erhoffen. Lob? Belohnung? Den Himmel? Ernsthaft?

Aber es reicht nicht, sich als Muslim nur von diesen Gewaltakten zu distanzieren. Das sollten auch die Islamverbände in Deutschland allmählich einsehen. Es ist vielmehr unabdingbar, sich von allen Formen der psychischen Gewalt, die der körperlichen Gewalt vorausgehen, zu distanzieren.

Deswegen distanziere ich mich auch von islamisch geprägten Lebensentwürfen, die die Gleichheit aller Menschen nicht anerkennen.

Ich distanziere mich von islamisch geprägten Paschas, die glauben, dass sie die Herren der Welt sind.

Die glauben, dass Frauen nur dafür gemacht sind, ihnen zu gehorchen.

Die Frauen auf ihre Gebär-, Putz- und Kochfunktion reduzieren und sich dabei auf angeblich islamische Traditionen berufen.

Die Juden und Homosexuelle als Affen und Schweine bezeichnen.

Die Juden und andere Minderheiten zu Hauptakteuren sämtlicher Verschwörungstheorien auserkoren haben, um ihre eigene Schwäche und ihr eigenes Versagen im Leben erträglicher zu machen.

Die in einem infantilen Zustand des verwöhnten Einzelkinds verharren und weder fähig sind, sich kritisch zu reflektieren noch sich in irgendeiner Form weiter zu entwickeln.

Ich distanziere mich von den patriarchal-autoritären Strukturen in vielen islamischen Ländern, die ein Grund für Intoleranz, Gewalt und Radikalisierung sind. Sie sind in Kombination mit Armut und mangelnder Bildung der Nährboden für islamistischen Terrorismus, wie wir ihn jetzt in Brüssel erleben müssen.

Ich distanziere mich von der Unterdrückung der natürlichen Sexualität in konservativen islamischen Kreisen und ich distanziere mich von der Kultivierung einer ständigen Angst vor einem strafenden Gott. Beide Aspekte sind ein Grund für pathologische Tendenzen bei vielen muslimischen Jugendlichen. Aggressionen und Gewalt gegen ein vermeintlich legitimes Feindbild (Andersgläubige und Nichtgläubige) sind ein willkommenes Ventil und der erste Schritt in die Radikalisierung – sowohl in Gaza als auch in Berlin.

Die öffentlich vorgetragene Distanzierung nach islamistischen Terroranschlägen ist inzwischen ein etablierter und absolut nachvollziehbarer Reflex seitens der islamischen Community. Aber die Distanzierung sollte nicht auf schreckliche Tage wie den heutigen beschränkt werden. Sie muss jeden Tag geschehen. Es ist ein täglicher Kampf – gegen Intoleranz, Hass und Ungleichheit.

Je me désolidarise…

Was Rechtspopulisten und Islamisten gemeinsam haben

AfD-Chefin Frauke Petry (Foto: blu-news.org [CC BY-SA 2.0], via Wikimedia Commons
Radikale Islamisten teilen die Welt in Gut und Böse ein: in Gläubige (Mu’min) und Ungläubige (Kuffar). Es ist ein dualistisches Weltbild, das einfache Antworten auf komplexe Fragen liefert. Vor allem deshalb fühlen sich manche (junge) Europäer, die nach Orientierung und Lebenssinn in einer unübersichtlichen und scheinbar sinnlosen Welt suchen, von dschihadistischen Terrororganisationen wie dem IS angezogen. Es gibt ein klar eingegrenztes Feindbild, das man für sämtliche Probleme (also auch die eigenen) verantwortlich machen kann. Gleichzeitig erfährt man einen enormen Selbstbewusstseinsschub, denn man gehört nun zu den „Guten“ und fühlt sich seinen Feinden moralisch überlegen.

Rechtspopulisten teilen die Welt in Gut und Böse ein: in Inländer und Ausländer. Es ist ein dualistisches Weltbild, das einfache Antworten auf komplexe Fragen liefert. Vor allem deshalb fühlen sich manche (junge) Europäer, die nach Orientierung und Lebenssinn in einer unübersichtlichen und scheinbar sinnlosen Welt suchen, von rechtspopulistischen Parteien wie der Front National (Frankreich), der Partij voor de Vrijheid (Niederlande) oder der FPÖ (Österreich) angezogen. Es gibt ein klar eingegrenztes Feindbild, das man für sämtliche Probleme (also auch die eigenen) verantwortlich machen kann. Gleichzeitig erfährt man einen enormen Selbstbewusstseinsschub, denn man gehört nun zu den „Guten“ und fühlt sich seinen Feinden moralisch überlegen.

Europa droht angesichts der Flüchtlingskrise und Terror-Angst nach rechts zu driften. In zahlreichen Ländern steigen die Umfragewerte von rechtspopulistischen Parteien – wenn sie nicht schon die jeweilige Landesregierung stellen. Das ARD-Europamagazin hat in einem aktuellen Beitrag die Situation skizziert:

  • In den Niederlanden ist die Partij voor de Vrijheid (Partei für die Freiheit) des Islamfeinds Geert Wilders mit 20,4 Prozent derzeit die umfragestärkste Partei.
  • Die rechtspopulistischen Sverigedemokraterna (Schwedendemokraten) sind in aktuellen Umfragen mit 16,7 Prozent drittstärkste Kraft.
  • Seit den Parlamentswahlen 2015 ist die rechtspopulistische Partei Perussuomalaiset (Die Finnen) Teil der Regierungskoalition in Finnland. Seitdem sind die Ausländergesetze massiv verschärft worden.
  • Die rechtsextreme Front National von Parteichefin Marine Le Pen hat zwar die letzten Regionalwahlen in Frankreich verloren, aber der anhaltende Ausnahmezustand seit den Pariser Terroranschlägen und die Ängste vieler Bürger vor den Folgen der Flüchtlingskrise machen die Partei trotz faschistischem Gedankengut und vordemokratischer Wirtschaftskonzepte für eine wachsende Zahl von Menschen wählbar.
  • Spätestens Ende 2017 stimmen die Briten in einem Referendum über einen EU-Austritt ab (Brexit). Premierminister David Cameron verhandelt mit der EU über Ausnahmen und Sonderregelungen für Großbritannien, um einen Brexit zu verhindern. Dabei geht es auch um die Einschränkung von Sozialleistungen für EU-Bürger, die in Großbritannien leben. Das würde rund eine Million Polen betreffen, die den größten Teil der EU-Arbeitsmigranten auf der Insel ausmachen. Die Tatsache, dass dies wiederum der PiS-Regierung in Warschau überhaupt nicht gefällt und Cameron deswegen zu einem Besuch anreisen muss, um die Wogen zu glätten, entlarvt die Doppelmoral der Nationalisten und Abschottungspolitiker innerhalb der EU.

Es ist offenkundig, was all diese Rechtspopulisten, Nationalisten und Rechtsextreme mit Dschihadisten gemeinsam haben: das dualistische Weltbild, das nur Schwarz und Weiß kennt – ohne Grautöne, geschweige denn Farben.

Doch nicht nur das: Europäische Rechte und Islamisten brauchen einander. Ohne die Angst vor dem Fremden, ohne die Angst vor anderen Kulturen oder Religionen gäbe es keine AfD und keine Front National. Sie instrumentalisieren Flüchtlingskrise und Terror-Angst, um pauschal eine ganze Glaubensgemeinschaft unter Generalverdacht zu stellen.

Doch genau das spielt den Islamisten in die Hände. Sie wollen eine Spaltung der Gesellschaft. Sie wollen eine Radikalisierung gemäßigter Muslime, die den Anfeindungen rechter Scharfmacher und deren Anhänger ausgesetzt sind. Sie wollen zwei klar umrissene Lager, die sich bekämpfen – ungefähr so wie bei Hooligans gegen Salafisten in Köln 2014. Da galt nur: „Wir gegen die.“ Das ist einfach, das verstehen selbst Menschen mit einem IQ knapp über Zimmertemperatur.

Wir sollten nicht den einfachen Weg wählen, weil die meisten von uns wissen, dass es eben nicht so einfach ist, wie es uns die Hassprediger aus beiden Lagern weismachen wollen. Die Welt ist nicht nur schwarz oder weiß. Die Welt ist ein Regenbogen, um es pathetisch auszudrücken. Mit allen nur erdenklichen Farbnuancen. Genau deswegen müssen wir Farbe bekennen.

Buchstabenglaube ist keine islamische Erfindung

Es ist auch nicht hilfreich, Muslime ständig mit kriegerischen Koranversen zu konfrontieren und sie zu befragen, wie sie dazu stehen. Aktuell leben rund vier Millionen Muslime in Deutschland, ohne dass ein Glaubenskrieg ausgebrochen ist. Das Fußgängerzonen-Quiz „Koran oder Bibel?“ zeigt, dass der Islam kein Monopol auf Grausamkeiten oder patriarchalische Haltungen hat. Muslime haben keine größere Pflicht, buchstabengläubig zu sein als Christen oder Juden. Das denken höchstens Menschen, die sich noch nie mit einem Muslim unterhalten haben. Wo ist die Wahrscheinlichkeit dafür am höchsten? Genau, in weiten Teilen Ostdeutschlands, wo Pegida und AfD kräftig gedeihen.

Die meisten Muslime in Deutschland wollen in Harmonie und Frieden mit ihren Nachbarn leben und die meisten muslimischen Flüchtlinge fliehen vor brutalen Islamisten, die ihre Länder in Schutt und Asche gelegt haben – sei es in Syrien oder in Afghanistan. Diese Menschen haben bestimmt keinen Krieg gegen die deutschen „Ungläubigen“ im Sinn, sondern wollen nur Frieden für sich und ihre Familien. In vielen Fällen messen sie der Religion gar keine so große Bedeutung bei, wie viele der besorgten Bürger glauben möchten. Die Gefahr von getarnten Terroristen, die mit dem Flüchtlingsstrom nach Deutschland kommen, ist real. Doch die Rechtspopulisten belassen es nicht bei dieser Erkenntnis, sondern nutzen sie, um den Kampf der Kulturen mit Pauschalisierungen zu befeuern.

Wer am lautesten schreit, hat nicht automatisch recht. Und wer nur einfache Antworten auf schwierige Fragen liefert, sollte einem mündigen Menschen verdächtig vorkommen. Es spielt keine Rolle, ob es sich dabei um einen Rechtspopulisten oder einen Islamisten handelt. Denn beide leben von der Angst, dem Hass und der Intoleranz der Menschen, ohne ernsthafte Lösungsvorschläge für die Probleme dieser Welt bieten zu können. Sie tun so, als wüssten sie es besser, doch unter ihrer Herrschaft würde alles zugrunde gehen, wofür europäische Staaten jahrhundertelang gekämpft haben: Freiheit, Gleichheit, Toleranz.

Abschottung und das Zurückfallen in längst überholte Denkmuster können weder bei der Flüchtlingskrise noch bei irgendeinem anderen Problem, das durch die Globalisierung entstanden ist, die Lösung sein. AfD-Wähler müssen nur nach Polen und Ungarn schauen, um zu erfahren, wie die Alternative für Deutschland konkret aussehen könnte. Würden sie das derzeitige Deutschland wirklich dafür eintauschen wollen? Ich glaube nicht. Selbst die urdeutschen Wutbürger, die sich von einer AfD-Regierung einen persönlichen Vorteil erhoffen, würden sich angesichts der unsozialen Politik enttäuscht abwenden. Doch für einen Meinungsumschwung könnte es in einem antidemokratischen System, das nicht viel von Meinungsfreiheit hält, zu spät sein. Deswegen sollte die Büchse der Pandora gar nicht erst geöffnet werden.

Was können wir tun?

Den unbequemen Weg gehen: differenzieren, (uns selbst) hinterfragen, besonnen bleiben, aber auch den Mund aufmachen.

Es steht nicht weniger als ein geeintes, demokratisches und pluralistisches Europa auf dem Spiel.

 

Was Rechtspopulisten und Islamisten gemeinsam haben

Haram-Fallen im Supermarkt-Regal

Eine Tiefkühlpizza mit Halal-Zertifikat: für Muslime unbedenklich.

In vielen Lebensmitteln sind Bestandteile von Schweinen verarbeitet, ohne dass dies ausreichend auf der Verpackung gekennzeichnet wird. Das ist für Muslime ein Problem. Denn oft finden sich Schweinrückstände in Produkten, in denen man sie nie vermutet hätte.

Das ZDF hat in seiner Dokumentation „Alle gegen Aldi“ verschiedene Lebensmittel der vier großen Discounter Aldi, Lidl, Penny und Netto in mehreren Kategorien verglichen. Am interessantesten für Muslime dürfte der Schoko-Pudding-Test gewesen sein: Die, die es bisher noch nicht wussten, dürften spätestens jetzt erfahren haben, dass in allen vier Billig-Schoko-Puddings, die für 19 Cent zu haben sind, Gelatine steckt. Den brauche die Discounter-Ware, damit der Sahne-Pudding in seinem Plastikbecher möglichst lange seine künstliche Form behält. Die auf dem Becher meist als „Speisegelatine“ angegebene Zutat stamme laut Produktentwickler Sebastian Lege zu 90 Prozent vom Schwein. Der Grund: die niedrigeren Kosten. Für Muslime ist jeglicher Verzehr von Schweinebestandteilen haram (verboten).

Komplizierter wird die Angelegenheit, wenn sich Muslime nicht auf die Zutatenliste verlassen können, weil diese wegen Kennzeichnungslücken im deutschen Lebensmittelrecht unvollständig ist oder die Herkunft bestimmter Zutaten intransparent ist.

So haben beispielsweise die Verbraucherschützer von Foodwatch bereits vor zwei Jahren tierische Bestandteile in Lebensmitteln nachgewiesen, in denen man sie nie vermutet hätte: So seien in den Snacks vom Chipshersteller Funny-Frisch vielerlei tierische Bestandteile enthalten, wie etwa Kälberlab, Schwein, Wild oder Geflügel. In den seltensten Fällen sei das auf dem Etikett gekennzeichnet. Die Produkte vom Konkurrenten Lorenz (Crunchips) kämen laut Herstellerangaben ohne „tierische Fleischbestandteile“ aus, allerdings werde im Produktionsprozess auch tierisches Lab eingesetzt. Muslime, aber auch Vegetarier und Veganer, müssen im Zweifel also einen Bogen um diese Produkte machen.

Auch beim Frischkäse lauern Haram-Fallen im Supermarkt-Regal: Savencia Fromage & Dairy (Bresso) und Rotkäppchen setzen laut Foodwatch in ihren Frischkäsesorten tierische Gelatine als Verdickungsmittel ein, Mondelēz und Kraft Heinz verzichten bei ihrem Philadelphia-Frischkäse darauf.

In der Tomatencremesuppe von Maggi (Nestlé) steckt laut Foodwatch sogar Speck als Zutat in dem Beutel. „Wer bei Tomatencremesuppe ein vegetarisches Gericht erwartet, wird hier enttäuscht“, so das ernüchternde Fazit.

Doch es gibt auch positive Beispiele: Eckes-Granini habe auf die Foodwatch-Kritik reagiert und verwende in seinen „Hohes C“-Säften inzwischen einen stärkebasierten und veganen Trägerstoff für Vitamine und nicht mehr wie früher Fischgelatine. Valensina habe seinen Orange-Mango-Ananas-Saft lange Zeit mit Schweinegelatine von Trübstoffen befreit. Seit Dezember 2013 sei der Saft laut Hersteller aber vegan. Auch der „Milram Frühlingsquark leicht“ beinhaltet nach Angaben von Foodwatch keine Gelatine mehr – der Hersteller DMK werbe sogar mit dem Label „ohne Zusatz von Gelatine“.

Trotz dieser punktuellen Erfolge bleiben aus Sicht der muslimischen Verbraucher die Produktionsbedingungen von zahlreichen Lebensmittelprodukten weiterhin intransparent. Mit Smartphone-Apps wie „HalalCheck“ können Verbraucher die Barcodes verdächtiger Produkte scannen, um zu erfahren, ob der Verzehr aus islamischer Sicht bedenklich ist oder nicht. Die App greift dabei nach Angaben des Entwicklers Ferit Cubukcuoglu auf eine Datenbank von rund 58.000 Artikeln zurück, deren Bestandteile bei den Herstellern erfragt und rechtlich belegt worden seien.

Blitz-Test: Halal-App erkennt fünf von sieben Produkten

Bei einem Blitz-Test erkannte die App fünf von sieben gescannten Produkten und erwies sich bei der Halal-Haram-Klassifizierung als zuverlässig. Die Milfina-Schlagsahne, der skandinavische Räucherlachs und der Ananas-Banane-Kokos-Smoothie von Aldi-Süd wurden von der App als halal (erlaubt) identifiziert. Die Ja!-Rohschinkenwürfel von Rewe und das alkoholfreie Erdinger Weißbier wurden korrekterweise als haram (verboten) erkannt. Hintergrund: Der deutsche Gesetz­geber erlaubt für alkoholfreie Getränke einen Höchst­gehalt von 0,5 Volumen­prozent, weswegen auch in alkoholfreien Bieren noch Spuren von Alkohol enthalten sind. Ein Rindergulasch aus der Konserve (Aldi-Süd) sowie eine reine Bio-Rind-Salami (Rewe) wurden von der App leider nicht erkannt.

Wer sich über die islamrechtlichen Grundlagen der Halal-Haram-Klassifizierung informieren möchte, kann dies auf Seiten wie „HalalWiki“ tun. Hier erfährt der Leser, warum Muslime bestimmte Tiere nicht essen dürfen. Außerdem werden Probleme erörtert, die durch die moderne Lebensmittelproduktion entstanden sind und mit denen die islamischen Rechtsschulen jeweils unterschiedlich umgehen. Es herrscht zum Beispiel Uneinigkeit darüber, ob Alkohol als Trägerstoff in Lebensmittel-Aromen halal ist. Zudem sind bestimmte Emulgatoren, die in Lebensmitteln verwendet werden, aus islamischer Sicht bedenklich.

Halal als Wirtschaftsfaktor

Lebensmittel mit Halal-Siegel werden zunehmend zu einem globalen Wirtschaftsfaktor: 2012 wurden nach Angaben von Statista weltweit rund 1,09 Billionen US-Dollar mit Lebensmitteln und Getränken umgesetzt, die den islamischen Reinheitsvorschriften entsprechen. Europa hinkt in dieser Statistik noch weit hinterher, doch auch die deutsche Lebensmittelindustrie dürfte in den kommenden Jahren stärker auf die neuen Verbraucherwünsche eingehen, die sich aus dem demografischen Wandel ergeben. Bereits jetzt leben rund vier Millionen Muslime in Deutschland, Tendenz steigend. Zusätzlich kommen im Zuge der Flüchtlingskrise Tausende syrische, irakische und afghanische Asylbewerber ins Land – und mit ihnen auch ihre islamischen Ernährungsgewohnheiten.

Haram-Fallen im Supermarkt-Regal

Fatwa setzt Saudi-Arabien schachmatt

Der Großmufti von Saudi-Arabien sieht Schach als Glücksspiel an. (Foto: Ilagam, CC-Lizenz (BY 2.0), http://www.piqs.de)

Der oberste islamische Gelehrte Saudi-Arabiens, Großmufti ʿAbd al-ʿAzīz ibn ʿAbdallāh Āl asch-Schaich, hat Schach in einer Fatwa (islamisches Rechtsgutachten) für haram (verboten) erklärt. Das Spiel sei aus mehreren Gründen mit dem Islam unvereinbar. Schachspieler in Saudi-Arabien fürchten nun, dass die Religionspolizei nationale und internationale Schachturniere im Land verbieten könnte.

„Das Schachspiel ist verboten.“ Mit diesen Worten antwortete der oberste islamische Gelehrte Saudi-Arabiens, Großmufti ʿAbd al-ʿAzīz ibn ʿAbdallāh Āl asch-Schaich, in einer Fernsehsendung auf die Frage eines Zuschauers, ob Schach mit dem Islam vereinbar sei. Er begründete seine Fatwa, ein islamisches Rechtsgutachten, damit, dass Schach süchtig machen könne. Die Spieler könnten dabei ihre täglichen Pflichtgebete vergessen. „Es ist eine Verschwendung von Zeit und Geld und verursacht Rivalität und Feindschaft“, erklärte der Großmufti. Es mache reiche Leute arm und arme Leute reich. Wie Alkohol und Glücksspiel sei Schach „das Werk Satans“.

Die Fatwa stammt eigentlich aus dem Jahr 2014, doch erst ein im Dezember 2015 hochgeladenes Youtube-Video, das die Antwort des saudischen Großmuftis auf die Schach-Frage zeigt und ein am Freitag und Samstag ausgetragenes Schachturnier in Mekka sorgten für eine Berichterstattung in westlichen Medien samt hitziger Diskussion auf Facebook und Twitter. Die Netzgemeinde in Deutschland reagierte auf die Schach-Fatwa mit Hohn und Spott. „#Schach“ führte zwischenzeitlich sogar die deutsche Trendthemenliste auf Twitter an:

Die saudische Schach-Community ließ sich von der Fatwa des Großmuftis nicht daran hindern, das angekündigte Schachturnier in Mekka auszurichten. Musa Bin Thaily, Mitglied der Saudi Chess Association (SCA), veröffentlichte wie zum Beweis zahlreiche Fotos vom Turnier auf Twitter:

„Unsere von religiösen Ansichten bestimmte Gesellschaft hat über die Jahre fast alles Neue zum Feind erklärt – seien es Radios, Fernseher oder Smartphones. Trotzdem hat es unsere Gesellschaft immer wieder geschafft, solche temporären Verbote zu überwinden und sich weiter zu entwickeln“, erklärt Bin Thaily. Doch beim Schach sei es anders: Bereits 1976 habe eine Fatwa Schach in Saudi-Arabien zu einer verbotenen Angelegenheit für Muslime erklärt und so sei der Sport nie unter die Schirmherrschaft des saudischen Sport- und Jugendministeriums aufgenommen worden. Die in den vergangenen Jahren gegründete Saudi Chess Association kämpfe nun darum, vom Staat anerkannt und finanziell gefördert zu werden.

„Religionspolizei könnte Schach-Events verbieten“

Doch die neue Fatwa des Großmuftis ʿAbd al-ʿAzīz ibn ʿAbdallāh Āl asch-Schaich ist ein herber Rückschlag für den saudischen Schachverband. „Die Fatwa aus dem Dezember 2014 ist ein besorgniserregendes Alarmsignal und könnte unseren Verband daran hindern, weiter zu wachsen. Außerdem könnte sie die Religionspolizei dazu veranlassen, sämtliche Schach-Events in Zukunft zu verbieten. Dann könnten wir keine Großmeister mehr einladen und keine großen, internationalen Turniere mehr im saudischen Königreich veranstalten“, so die Sorge des SCA-Mitglieds Bin Thaily.

Zwar sind Fatwas keine Gesetze, sondern gelten als religiöse Gutachten, die Gläubigen eine allgemeine Handlungsempfehlung liefern sollen, doch Großmufti ʿAbd al-ʿAzīz ibn ʿAbdallāh Āl asch-Schaich ist gleichzeitig stellvertretender Justizminister im Land und Präsident der Religionspolizei. Die Befugnisse der Religionspolizei wurden zwar in einer Reihe von Reformen zwischen 2006 und 2012 beschnitten, aber eine Kooperation von Religionspolizei und staatlichen Organen ist im Falle eines Schachturnier-Verbots trotzdem denkbar.

In mehreren Tweets erklärt und kritisiert Musa Bin Thaily öffentlich die Fatwa des höchsten islamischen Gelehrten Saudi-Arabiens. Zum Beispiel sei es unmöglich, „Rivalität und Feindschaft“ juristisch zu erfassen. Außerdem sei Fußball im Gegensatz zu Schach ein vom saudischen Sportministerium anerkannter Sport, obwohl er unter bestimmten Umständen auch als haram gilt. Generell könne jeder Sport in Saudi-Arabien als haram gelten, sofern er mit Glücksspiel in Verbindung gebracht werde, Gläubige vom Gebet abhalte oder zu Hass zwischen den Spielern führe, erklärt SCA-Generalsekretär Yaser Al Otaibi in einem Brief an den Weltschachbund FIDE.

Auf die Frage, ob er wegen seiner öffentlichen Äußerungen keine Angst vor Konsequenzen wie dem Verlust seines Jobs habe, antwortet Schach-Enthusiast Musa Bin Thaily, der Ingenieur bei der Erdölfördergesellschaft Saudi Aramco ist: „Nicht wirklich. Letzten Endes haben wir ein gerechtes System, das sage ich ganz ehrlich.“

Fatwa setzt Saudi-Arabien schachmatt

Vom Glauben abgefallen

Der staatenlose Lyriker und Kurator Ashraf Fayadh sitzt in Saudi-Arabien in der Todeszelle. Der Vorwurf: Apostasie, Abfall vom Glauben. Hier sieht die Scharia, das islamische Gesetz, nach saudischer Lesart die Todesstrafe vor. Doch wie ist dieser Umstand historisch begründet – und vor allem: Ist er aus islamischer Sicht zwingend? Eine Spurensuche in den zwei wichtigsten Quellen der islamischen Jurisprudenz – Koran und Sunna.

Ashraf Fayadh ist ein staatenloser Lyriker und Kurator, der aus Palästina stammt und in Saudi-Arabien aufgewachsen ist. Obwohl er viele Jahre ein anerkannter Repräsentant der saudi-arabischen Kulturszene war und 2013 sogar den saudischen Pavillon auf der Biennale in Venedig gestaltete, wurden ihm die saudische Staatsangehörigkeit und viele Bürgerrechte stets verweigert. Seit dem 17. November 2015 sitzt der 35-Jährige in der Todeszelle und soll enthauptet werden. Der Vorwurf des islamischen Königreichs: Apostasie, Abfall vom Glauben. Fayadh soll Gotteslästerung betrieben und den Atheismus propagiert haben. Grund für die Anklage ist auch sein Lyrik-Band „Instructions within“, „Anweisungen von Innen“. Es mutet seltsam an, dass dieses Werk plötzlich gegen ihn verwendet wird, denn es wurde bereits 2008 publiziert.

Sascha Feuchter, Vize-Präsident und „Writers in Prison“-Beauftragter des deutschen PEN-Zentrums, hält das alles nur für vorgeschoben:

„Experten, die sich diese Gedichte angeschaut haben, sagen uns eigentlich, dass da überhaupt nichts Islamkritisches oder gar Gotteslästerliches drin ist. Es handelt von seinem Schicksal als Palästinenser in Saudi-Arabien, auch als ein Heimatloser. Dieser Blasphemie-Vorwurf ist eigentlich der Vorwand, um jemanden politisch kaltzustellen.“

Tatsächlich deutet vieles auf einen politisch motivierten Prozess hin: Fayadh soll ein Video ins Netz gestellt haben, dass die Hinrichtung eines Minderjährigen in Saudi-Arabien zeigt. Ein anderer saudischer Künstler, mit dem er in persönlichen Streit geraten sein soll, habe ihn angeschwärzt. Ein „Agent provocateur“, von der Religionspolizei geschickt, vermuten seine ausländischen Freunde. Nach Angaben von Amnesty International UK kam Fayadh am 6. August 2013 in Haft. Am nächsten Tag wurde er wieder freigelassen; am 1. Januar 2014 kam er erneut in Haft. Neben des Vorwurfs der Apostasie wurde ihm ein Verstoß gegen das Anti-Cyberkriminalitätsgesetz des Landes zur Last gelegt, da er Fotos von Frauen gemacht und auf seinem Smartphone gespeichert haben soll.

Am 30. April 2014 wurde Fayadh wegen der Fotos von Frauen auf seinem Smartphone zu vier Jahren Haft und 800 Peitschenhieben verurteilt. Das zuständige Gericht akzeptierte seine Entschuldigung bezüglich des Apostasie-Vorwurfs und hielt die Strafe für angemessen. Das Berufungsgericht jedoch war der Ansicht, dass Fayadh auch wegen Apostasie verurteilt werden sollte und so landete er schließlich in der Todeszelle. Während des gesamten Prozesses soll Fayadh ein Anwalt verweigert worden sein. Ein klarer Verstoß gegen internationale Menschenrechte und saudi-arabische Gesetze, kritisiert Amnesty.

Schon vor dem Todesurteil regte sich internationaler Protest: Im Februar 2014 forderten rund 1000 arabische Intellektuelle seine Freilassung. Auch ein Brief des amerikanischen PEN-Zentrums an den US-Präsidenten Barack Obama im Dezember 2015 brachte nichts ein.

Den World Reading Day am vergangenen Donnerstag nutzten zahlreiche Schriftsteller weltweit, um aus dem Werk des zum Tode verurteilten Dichters zu lesen. Auch in arabischen Ländern gab es Solidaritätslesungen für Ashraf Fayadh, z.B. in Kairo oder Ramallah.

Hier eines seiner Gedichte aus dem Jahr 2008:

„dein stummes Blut wird sich nicht zu Wort melden
so lange du deinen Stolz in den Tod setzt
um deine Seele zu verlieren
wirst du Zeit brauchen
sehr viel mehr als um deine Augen
zu heilen, die Tränen aus Erdöl geweint haben“

So weit, so traurig.

Es gibt allerdings zwei kurze Sätze, über die ich beim Lesen des Amnesty-Aufrufs gestolpert bin:

  1. Apostasie (auf Arabisch: Ridda) ist die Abkehr vom Islam.
  2. In Saudi-Arabien gilt die Scharia, das religiöse Gesetz des Islams, und Apostasie kann dort mit dem Tod bestraft werden.

Gefährliche Sinn-Induktion

In diesem Moment habe ich einen inneren Widerspruch verspürt: Einen Widerspruch zwischen meiner Haltung (ich bin gegen die Todesstrafe, natürlich auch im Falle der Apostasie) und der Haltung, die der Islam in dieser Frage angeblich vertritt. Warum schreibe ich „angeblich“? Weil es sich um eine Information handelt, die ich selbst bisher nie geprüft habe und als Journalist schreibe ich in diesen Fällen immer „angeblich“.

Darüber hinaus würde ich einer bestimmten Sinn-Induktion freien Lauf lassen, wenn ich diese angebliche Tatsache ungeprüft akzeptieren würde. So geht es auch den meisten westlichen Lesern.

Welche Sinn-Induktion läuft hier bewusst oder unbewusst beim Leser ab?

Scharia = Todesstrafe bei Apostasie = islamisches Gesetz = Islam = repressiv, autoritär, gewalttätig, intolerant = unvereinbar mit Religions- und Meinungsfreiheit (Art 4,5 GG) = inkompatibel zu demokratischen Gesellschaften = Angst, Ablehnung = Feindbild

Kommt dieses Schema Ihren Gedanken nahe? Wenn ja (und davon gehe ich aus), dann sollten wir diese These einer konkreten Prüfung unterziehen. Ich möchte mich nämlich nicht von dieser Lesart voreilig vereinnahmen lassen und das sollten Sie auch nicht.

These: Die Abkehr vom Islam muss mit dem Tod bestraft werden

Ich bin eine tolerante Person und der Auffassung, dass jeder seinen Glauben frei wählen sollte. Auf Grund meiner eigenen Lebenserfahrung bin ich zu dem Schluss gekommen, dass Zwang hier nicht funktioniert, da die Glaubensentscheidung eine Entscheidung des Herzens ist. Genauso wie man keine Person zwingen kann, eine andere aufrichtig zu lieben, kann man auch keinen zwingen, etwas Bestimmtes zu glauben. Auch wenn jemand vor einem saudischen Richter versichert, dem Islam anzugehören, muss das noch lange nicht der Wahrheit entsprechen. Umgekehrt kann jemand trotzdem Muslim sein, auch wenn ein Richter das Gegenteil verkündet. Auch der Koran, die primäre Quelle des islamischen Rechts, unterstreicht die Bedeutung des Herzens im Zusammenhang mit dem Glauben in zahlreichen Suren.

In Sure al-Hagg (Die Pilgerfahrt, 22:46) heißt es:

„Reisen sie denn nicht auf der Erde umher, so daß sie Herzen bekommen, mit denen sie begreifen, oder Ohren, mit denen sie hören? Denn nicht die Blicke sind blind, sondern blind sind die Herzen, die in den Brüsten sind.“

In Sure al-Anam (Das Vieh, 6:125) heißt es:

„Wen Allah rechtleiten will, dem tut Er die Brust auf für den Islām. Und wen Er in die Irre gehen lassen will, dem macht Er die Brust eng und bedrängt, so als ob er in den Himmel hochsteigen sollte. So legt Allah den Greuel auf diejenigen, die nicht glauben.“

In diesen und zahlreichen anderen Koransuren wird deutlich, dass nur Gott in der Lage ist, die Herzen der Menschen für den Glauben zu öffnen oder zu verschließen. Welche Zwänge wir Menschen dabei ausüben, spielt keine Rolle.

An dieser Stelle soll gesagt sein, dass die hieraus folgende Annahme, dass nur Gott selbst über Glauben oder Unglauben in den Herzen der Menschen und damit auch über den persönlichen Weg in den Himmel oder die Hölle entscheidet, natürlich bei vielen Lesern zum Eindruck führen kann, Gott handle willkürlich und ungerecht. Immerhin bestimmt demnach nur er, wer nach seinem Tod erlöst wird und wer Höllenqualen leiden muss. Dieser Logik folgend wäre es auch egal, ob sich jemand auf dieser Welt bemüht, ein guter Mensch zu sein. Sein Weg wäre bereits vorgezeichnet und er könnte nichts dagegen unternehmen. Der freie Wille wäre nicht existent, sondern jeder Mensch seinem Schicksal ausgeliefert. Ausgehend vom säkularen Standpunkt würde ich dieser Auffassung nicht widersprechen.

Es muss aber eins klar sein: Ich als gläubiger Muslim bewege mich hier im theologischen Argumentationsrahmen, der einen allmächtigen Gott beinhaltet. Könnte Gott nicht auch darüber entscheiden, wer gläubig wird und wer nicht, wäre er per Definition nicht allmächtig. Das alles schließt übrigens einen freien Willen beim Menschen nicht zwingend aus. Es ist einfach so, dass Gott schon vorher über alle Möglichkeiten Bescheid weiß, für die wir uns entscheiden können und er somit von unserer Entscheidung, wenn sie dann irgendwann in die Tat umgesetzt wird, nicht überrascht sein kann. Er weiß einfach vor uns, wie wir uns entscheiden werden. Das kann man Schicksal nennen. Trotzdem können wir uns unserem Schicksal nicht ausgeliefert fühlen, da wir es mit all seinen Wendungen selbst nicht kennen (im Gegensatz zu Gott). Wir empfinden unsere Entscheidungen als die Ausübung unseres freien Willens.

Update: Ein Leserkommentar veranlasst mich, an dieser Stelle klarzustellen, dass ich natürlich nicht an einen ungerechten Gott glaube. Ich glaube an Gottes Barmherzigkeit als eine seiner Kerneigenschaften, die als Formel „Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen“ jede Koransure einleitet. Ich denke nicht, dass auch nur ein Mensch von Gott willkürlich in die Irre geführt wird, wenngleich sich mir der komplette Sinn solcher Verse auch nach Jahren des Nachdenkens immer noch nicht komplett erschließt. Aber ich denke, dass jeder Gläubige bestimmte Sachverhalte aushalten muss, die ihm als Widersprüche erscheinen. Der Koran versichert aber, dass sämtliche Unklarheiten am Jüngsten Tag aus dem Weg geräumt werden und keinem auch nur ein Sandkörnchen Unrecht widerfahren wird.

Doch kommen wir zurück zur Grundthese, die überprüft werden soll: Sieht der Islam eine Todesstrafe für Apostaten vor?

Befasst man sich mit den wichtigsten Quellen der Scharia, dem Koran und den Hadithen (den überlieferten Aussprüchen des Propheten Mohammed s.a.w.s.) kommt man zu keinem eindeutigen Ergebnis. Es wird vielmehr deutlich, dass die Sache ziemlich kompliziert ist.

Fakt ist: Die wichtigste Quelle des islamischen Glaubens und des islamischen Rechts, der Koran, sieht im Diesseits keine Todesstrafe für Apostaten vor, obwohl die Apostasie mehrfach erwähnt wird.

Diese Einschätzung teilt u.a. auch der Fiqh Council of North America (Gremium von bekannten islamischen Gelehrten, das Muslime bei der Anwendung des Scharia-Rechts berät).

Die entsprechenden Koranverse beziehen sich ausschließlich auf die göttliche Strafe im Jenseits, die ein Apostat zu erwarten hat:

Sure Al-i-IImran (Die Sippe Imrans, 3:86-91)
„Wie sollte Allah ein Volk rechtleiten, das (wieder) ungläubig wurde, nachdem es den Glauben (angenommen) hatte und (nachdem) es bezeugt hatte, daß der Gesandte wahrhaft ist, und (nachdem) zu ihm die klaren Beweise gekommen waren! Und Allah leitet nicht das ungerechte Volk recht. Der Lohn jener ist, daß auf ihnen der Fluch Allahs und der Engel und der Menschen allesamt liegt, ewig darin zu bleiben. Die Strafe soll ihnen nicht erleichtert noch soll ihnen Aufschub gewährt werden, – außer denjenigen, die nach alledem bereuen und verbessern, so ist Allah Allvergebend und Barmherzig. Jene (aber), die ungläubig werden, nachdem sie den Glauben (angenommen) haben, und hierauf an Unglauben zunehmen, deren Reue wird nicht angenommen werden, und jene sind die Irregehenden. Gewiß, diejenigen, die ungläubig geworden sind und als Ungläubige sterben, – von keinem von ihnen würde die (ganze) Erde voll Gold angenommen werden, auch wenn er sich damit loskaufen wollte. Für jene wird es schmerzhafte Strafe geben; und sie werden keine Helfer haben.

Sure an-Nahl (Die Bienen, 16:106-109)
„Wer Allah verleugnet, nachdem er den Glauben (angenommen) hatte – außer demjenigen, der gezwungen wird, während sein Herz im Glauben Ruhe gefunden hat –, doch wer aber seine Brust dem Unglauben auftut, über diejenigen kommt Zorn von Allah, und für sie wird es gewaltige Strafe geben. Dies (wird sein), weil sie das diesseitige Leben mehr lieben als das Jenseits und weil Allah das ungläubige Volk nicht rechtleitet. Das sind diejenigen, deren Herzen, Gehör und Augenlicht Allah versiegelt hat; und das sind (überhaupt) die Unachtsamen. Zweifellos sind sie im Jenseits die Verlierer.“

Das Grundmotiv bei der mehrfachen Erwähnung der Apostaten im Koran ist die Androhung der ewigen Höllenstrafe und die Möglichkeit der Umkehr zum Islam vor dem Tod. Dies geht allerdings mit einer Bestrafung durch Menschen im Diesseits nicht einher. Logisch betrachtet würde der Apostat durch eine Todesstrafe sogar vorzeitig um die Möglichkeit gebracht, zum Islam zurückzukehren.

Der bekannteste Vertreter der islamischen Reformbewegung des 20. Jahrhunderts, Raschīd Ridā († 1935), Schüler von Muhammad Abduh († 1905), verweist in seiner Fatwa in der Zeitschrift al-Manār, dem Sprachrohr der Reformbewegung in Ägypten, auf Sure 4, Vers 90 (an-Nisa, die Frauen), um zu begründen, dass der Koran keine Todesstrafe für Apostasie vorsieht:

„Wenn sie sich (nun) von euch fernhalten und nicht gegen euch kämpfen und euch ihre Bereitschaft erklären, sich (künftig) friedlich zu verhalten (und keinen Widerstand mehr zu leisten), gibt euch Gott keine Möglichkeit, gegen sie vorzugehen.“

Er fährt fort:

„Als Antwort auf diejenigen, die der Ansicht sind, daß sie (die im Koran genannten) entweder Muslime waren, oder (nur) vorgaben, dem Islam anzugehören und dann von der Religion abfielen, besagt der Vers als Rechtsvorschrift, daß die Apostaten nicht getötet werden, wenn sie friedfertig sind und nicht kämpfen. Es gibt im Koran keinen Beleg für die Tötung des Apostaten, der das Gotteswort ‚Wenn sie sich (nun) von euch fernhalten und nicht gegen euch kämpfen…‘ usw. abrogiert.“

Auch in der Islamwissenschaft herrscht die Auffassung vor, dass keine Textstelle im Koran eine Aufforderung zur Bestrafung von Apostaten mit dem Tode im Diesseits beinhaltet.

Yale-Professor Frank Griffel begründet diese These in seinem Buch „Apostasie und Toleranz im Islam. Die Entwicklung zu al-Gazalis Urteil gegen die Philosophie und die Reaktionen der Philosophen“ (2000) folgendermaßen:

„Der Koran fordert für Apostaten, d. h. ‚jene, die ungläubig sind, nachdem sie gläubig waren‘, keine Todesstrafe. Wenn einige Verse in einem gegenteiligen Sinn interpretiert werden, so sind dies apologetische Bemühungen der Vereinheitlichung zwischen Koran und späteren Entwicklungen in der Traditionsliteratur über den Propheten und in der Rechtswissenschaft (hadit und fiqh). Der Koran setzt Apostaten in einen höchst unbestimmten locus poenitentiae, der sowohl die diesseitige wie die jenseitige Welt betrifft. Die Strafe wird jedoch nicht von der Gemeinschaft der Muslime gegen Apostaten ausgesprochen oder ausgeführt. Der Koran fordert niemanden auf, einen Apostaten zu bestrafen oder gar zu töten.“ (S.27 f.)

Was Griffel jedoch als „apologetische Bemühungen der Vereinheitlichung“ zwischen dem Koran und den Hadithen (überlieferte Aussprüche und Anweisungen des Propheten Mohammed s.a.w.s.) bezeichnet, ist der Kern des Problems:

Die Hadithliteratur, die zweitwichtigste Quelle der islamischen Jurisprudenz (Fiqh), kann bei entsprechender Lesart dafür benutzt werden, die Todesstrafe bei Apostasie zu legitimieren.

Der Prophetenspruch „Wer seine Religion wechselt, dem schlagt den Kopf ab“ erscheint in der kodifizierten Rechtsliteratur erstmals im Muwatta‘ des medinensischen Gelehrten Malik ibn Anas als Rechtsdirektive Mohammeds s.a.w.s., allerdings mit einem zunächst unvollständigen Isnad (Überlieferungskette eines Hadith, die als Stütze für die Authentizität einer Aussage des Propheten Mohammed s.a.w.s. dient). Dieser überlieferte Spruch ist die Grundlage für den spätestens seit dem 8. Jahrhundert bestehenden Konsens (Idschmāʿ) der islamischen Rechtsgelehrten in der Frage der Bestrafung bei Apostasie. Es ist auch der von den Befürwortern der Todesstrafe meistzitierte Hadith.

Es gibt zwar auch noch weitere Hadithe, die dafür herangezogen werden, die Todesstrafe bei Apostasie zu legitimieren, doch dazu später mehr.

Ich kann mir nämlich vorstellen, dass die nicht-muslimischen Leser (und vielleicht auch viele muslimische) an dieser Stelle den Faden verloren haben. Es ist nötig, zunächst einige Begriffe und Sachverhalte zu klären.

Die islamische Rechtsfindung

Das islamische Recht (Scharia) speist sich aus zwei Hauptquellen: dem Koran und der Sunna (Handlungsweise des Propheten). Die Sunna wiederum speist sich zum großen Teil aus den Hadithen (überlieferte Aussprüche und Anweisungen des Propheten Mohammed s.a.w.s.). Der Koran ist die primäre Rechtsquelle, die Sunna die sekundäre. Der Koran ist Gottes offenbartes, unverändertes Wort. Die Hadithe sind Überlieferungen von Gefährten Mohammeds s.a.w.s. und anderen Menschen, denen er in seinem Leben begegnet ist. Die jeweiligen Überlieferungsketten werden „Isnad“ genannt und dienen als Stütze für die Authentizität der Aussagen. Die Ketten haben verschiedene Qualitäten – es gibt sowohl unterbrochene Überlieferungsketten als auch Überlieferungsketten, die direkt bis zum Propheten zurückreichen sollen. Es gibt Überlieferungsketten, die eher als unglaubwürdig (schwach) eingestuft werden und es gibt solche, die als sehr vertrauenswürdig (fest) eingestuft werden. Die Sunna mit den Hadithen ist die zweite Rechtsquelle des Islams, da die Autorität des Propheten im Koran mehrfach betont wird:

„O die ihr glaubt, gehorcht Allah und Seinem Gesandten, und kehrt euch nicht von ihm ab, wo ihr doch hört!“ (Sure 8:20)

„Sprich: Gehorcht Allah und dem Gesandten. Doch wenn sie sich abkehren, so liebt Allah die Ungläubigen nicht.“ (Sure 3:32)

„O die ihr glaubt, gehorcht Allah und gehorcht dem Gesandten und den Befehlshabern unter euch! Wenn ihr miteinander über etwas streitet, dann bringt es vor Allah und den Gesandten, wenn ihr wirklich an Allah und den Jüngsten Tag glaubt. Das ist am besten und am ehesten ein guter Ausgang.“ (Sure 4:59)

„Aber nein, bei deinem Herrn! Sie glauben nicht eher, bis sie dich über das richten lassen, was zwischen ihnen umstritten ist, und hierauf in sich selbst keine Bedrängnis finden durch das, was du entschieden hast, und sich in voller Ergebung fügen.“ (Sure 4:65)

„Wer dem Gesandten gehorcht, der gehorcht Allah, und wer sich abkehrt, – so haben Wir dich nicht als Hüter über sie entsandt.“ (Sure 4:80)

etc.

Zuerst prüfen die Rechtsgelehrten also, ob der Koran in einem bestimmten Fall eine klare Anweisung enthält. Falls dies nicht der Fall ist, werden die Hadithe herangezogen. Wenn danach unter den islamischen Rechtsgelehrten immer noch kein Konsens besteht (Idschmāʿ), wird eine bestimmte Form des Analogieschlusses (Qiyās) als Mittel zur Normenfindung in der islamischen Jurisprudenz (Fiqh) angewandt. Weitere Quellen der Jurisprudenz sind die „Entscheidung nach eigenem Ermessen“ des Juristen (Ra’y) – dort, wo weder der Koran noch die Sunna als primäre Quellen bei einer Rechtsentscheidung herangezogen werden können, das Gewohnheitsrecht (Urf, vorislamische Rechtspraktiken, die in der islamischen Expansionsphase in großem Umfang in die Scharia übernommen wurden) und der Idschtihād (die selbständige Interpretation der Rechtsquellen, die im orthodoxen Islam durch den Einfluss des Konsenses immer weiter zurückgedrängt worden ist und heute kaum noch ausgeübt wird). Liberale, säkulare Muslime wie die kanadische Autorin Irshad Manji fordern die Wiedereinführung des Idschtihad.

Nach diesem kleinen islamischen Rechtsexkurs wird deutlich, worin das Dilemma in unserem speziellen Fall besteht: Während der Koran keine ausdrücklicke Bestrafung von Apostaten im Diesseits vorsieht, ist der Prophetenspruch „Wer seine Religion wechselt, dem schlagt den Kopf ab“ ziemlich eindeutig.

Auch andere Hadithe wie die Nr. 6878 in der Hadith-Sammlung Sahih Al-Buharyy (deutsche Ausgabe 2010) gehen in eine ähnliche Richtung, obwohl sie nicht ausdrücklich die Todesstrafe befehlen:

…Abdullah berichtete, dass der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Friede auf ihm, sagte: „Das Blut eines Muslims, der bezeugt hat, dass kein Gott da ist außer Allah, darf nicht vergossen werden, außer in einem der drei Fälle: Im Fall der Wiedervergeltung für Mord, im Fall der Unzucht durch einen Verheirateten, und wenn derjenige von seinem Glauben abfällt und seine Bindung zur Gemeinschaft (der Muslime) löst.“

Die islamischen Rechtsgelehrten standen also damals vor dem Problem, diese beiden Positionen vereinen zu müssen, um eine islamkonforme Rechtsprechung zu entwickeln. Schließlich wurde die Todesstrafe für Apostaten durch einen Konsens (Idschmāʿ) der islamischen Rechtsgelehrten in die Scharia implementiert. Saudi-arabische Richter berufen sich auch im Jahr 2016 noch auf diesen Gelehrtenkonsens. Deswegen sitzt Ashraf Fayadh in der Todeszelle – sofern er sich überhaupt der Apostasie schuldig gemacht hat.

Was spricht dagegen?

  • Die Tatsache, dass der Koran in keiner Sure die Todesstrafe für Apostaten vorsieht, wenngleich die Apostasie mehrfach thematisiert wird
  • Der Umstand, dass die Überlieferungskette des stärksten Pro-Todesstrafe-Hadith kritikwürdig ist
  • Der Hadith Nr. 2453 aus der Sammlung Sahih Muslim, in dem davon berichtet wird, dass der Prophet Mohammed s.a.w.s. einen Beduinen ohne Bestrafung aus Medina ziehen ließ, obwohl dieser seinen Treueschwur ihm gegenüber zurücknahm
  • Die im Koran an zahlreichen Stellen verbriefte Gewissens- und Glaubensfreiheit

Haben wir nun eine Antwort auf unsere Frage?

An diesem Beispiel wird jedenfalls deutlich, dass auch die wichtigsten islamischen Rechtsquellen der menschlichen Interpretation bedürfen. Auch islamische Rechtsgelehrte können in bestimmten Fragen zu unterschiedlichen Auffassungen kommen. Während in Ländern wie Saudi-Arabien Apostaten mit dem Tod bestraft werden, sprechen sich andere muslimische Gelehrten-Räte wie der nordamerikanische Fiqh-Council dagegen aus. Ali Guma, bis 2013 Großmufti und Ägyptens oberster Rechtsgutachter, lehnte 2007 die weltliche Bestrafung abtrünniger Muslime ab, weil die Strafe im Jenseits erfolge. Hinzu kommt das Grundproblem der Authentizität oft mündlich überlieferter Hadithe. Es besteht also sogar aus rein theologischer Sicht in diesem speziellen Fall die Möglichkeit, die Rechtsquellen human auszulegen. Man muss es nur wollen. Es ist wichtig, islamischen Strömungen, die einer humanen Auslegung entgegenstehen, die Deutungshoheit zu entziehen. Vor dieser großen Aufgabe steht die islamische Weltglaubensgemeinschaft (Umma), wenn sie die Menschenrechte wahren und mit dem Rest der Welt friedlich koexistieren möchte.

Mein persönliches Fazit

Das vorliegende Quellenmaterial reicht nicht aus, um eine so weitreichende Bestrafung wie die Todesstrafe aus islamischer Sicht zu legitimieren. Immerhin sieht der Koran, die primäre Rechtsquelle und Gottes Wort, keine Bestrafung von Apostaten im Diesseits vor. Auch denke ich, dass eine Wiederbelebung der Idschtihād-Praxis im Jahr 2016 in dieser Frage zu anderen Ergebnissen führen würde als im Jahr 700 n. Chr. Dass ich kein islamischer Rechtsgelehrter bin, darauf weise ich an dieser Stelle natürlich gerne hin.

Ashraf Fayadh wünsche ich, dass das Urteil aus Gründen der Humanität nicht vollstreckt wird.

Vom Glauben abgefallen

Ich bin ein Zweifler. Oder etwa nicht? (Intro)

Irgendwie fühlen sich diese ersten Blog-Zeilen überaus narzisstisch an. Als hätte ich der Welt mehr und Wichtigeres mitzuteilen als andere Menschen, die sich mit der Materie schon viel länger beschäftigen als ich. Dennoch komme ich nicht umhin, diesen Blog über meinen Glauben zu starten – sei es aus niederen, narzisstischen Beweggründen, sei es aus wahrhaftigem Interesse an Aufklärung, interkulturellem Dialog und gegenseitigem Verständnis. Ich spüre schon seit langem dieses innere Bedürfnis, meine Gedanken dazu in Schriftform festzuhalten und der Welt mitzuteilen. Und ich denke, dass ich das besser kann als manche „Experten“, die in Essays oder politischen Talkshows über den Islam dozieren. Wie komme ich zu dieser Einschätzung?

Warum ein Islam-Blog?

Ein Muslim in Deutschland, der aus seinem Glauben kein Geheimnis macht und nicht ausschließlich in einer islamischen Community lebt, gerät früher oder später mit einem Andersgläubigen, einem Atheisten oder einem Agnostiker in einen religiösen Dialog. Oft geschieht das bei gesellschaftlichen Anlässen, wenn man die Datteln im Speckmantel ablehnt und dafür offen den Grund benennt. (Nicht, dass Muslime etwas gegen Datteln hätten – der Prophet Mohammed s.a.w.s. soll mit ihnen immer sein Fasten gebrochen haben – nur die Speckhülle passt uns nicht so ganz).

Dieser ersten Enthüllung folgt der Dialog: Oft fragt mich mein Gegenüber aus reinem Interesse nach den religiösen Vorschriften im Islam und ob Muslime wirklich fünf Mal am Tag beten müssen und tatsächlich auch im Hochsommer fasten müssen. Meistens kann ich ihm auf diese Fragen sehr eindeutige Antworten geben, indem ich die fünf Säulen des Islams (Glaubensbekenntnis, tägliches Gebet, Fasten, Almosen-Steuer und die Pilgerfahrt nach Mekka) aufzähle. Nach einem mitleidigen Nicken, dass mir suggerieren soll, ich hätte die anstrengendste Buchreligion von allen abbekommen, fragt er mich schließlich, ob ich persönlich auch alle diese Vorschriften befolge. Ab diesem Zeitpunkt kann das Gespräch in einen Rechtfertigungs-Monolog abdriften, da ich dann immer zugeben muss, dass ich das fünfmalige, tägliche Gebet nicht fünf Mal und nicht täglich ausführe. Auch das mit dem Fasten habe ich erst vor etwa fünf Jahren angefangen und wenn ich ehrlich bin, habe ich seitdem vielleicht einen Ramadan durchgefastet. Die Almosen-Steuer entrichte ich übers Internet und für die Pilgerfahrt nach Mekka fehlte mir bisher das Geld. Bleibt noch das islamische Glaubensbekenntnis, dass ich mehrmals täglich auf Arabisch aufsage. Immer bevor ich einschlafe und immer mal wieder zwischendurch: „Ich bezeuge, dass es keinen Gott außer Allah gibt und bezeuge, dass Mohammed sein Gesandter ist.“

Bin ich ein 3/5-Muslim?

Und dann stelle ich mir immer wieder diese eine Frage: Reicht das? Zählt jede Säule gleich? Angenommen, ich faste ab sofort jeden Ramadan durch, bin ich dann ein 3/5-Muslim? Klingt immerhin besser als 2/5, ist schließlich mehr als die Hälfte. Gibt es 5/5-Muslime, die alle Vorschriften befolgen, aber trotzdem schlechte Menschen sind? Ist so etwas überhaupt möglich, wenn man alle Anweisungen Gottes befolgt oder wird man dann automatisch gereinigt, egal was vorher war? Solche Gedankennetze spinne ich in meinem Kopf, immer weiter, immer feiner, während mein Gegenüber schon längst das Thema gewechselt hat. Ist es das wert, über solche Sachen sein Leben lang nachzudenken? Meine klare Antwort: ja. Der einzige Unterschied zu früher ist, dass ich ab sofort (rein theoretisch) die gesamte Menschheit daran teilhaben lassen will. Vielleicht finden es manche genauso spannend wie ich, egal ob Glaubensbrüder, -Schwestern, Juden, Christen, Buddhisten, Hinduisten, Atheisten oder Agnostiker.

Terror, Flüchtlingskrise, Silvester in Köln

Andere Gespräche, die sich nicht um die reinen Glaubenspraktiken drehen, dienen meinem Gegenüber als Vergewisserung, wie Muslime zu bestimmten gesellschaftlichen Debatten stehen oder Nachrichten aus der Weltpolitik bewerten, die mit dem Islam zu tun haben oder (fälschlicherweise) mit dem Islam konnotiert werden. Ist der IS-Terror islamimmanent? Ist die Sorge berechtigt, dass sich muslimische Flüchtlinge nicht (gut) in Deutschland integrieren können? Hat der Islam ein mittelalterliches Frauenbild, das muslimische Männer zu Chauvinisten macht, die sich dann wie in Köln sexuell an Frauen vergreifen? Sollten sich aufgeklärte Muslime nicht entschieden von solchen Taten distanzieren? Oder braucht der Islam gar eine Reform, einen muslimischen Luther?

Sehr oft fühle ich mich überfordert, wenn mich mein Gegenüber dabei implizit auffordert, stellvertretend für rund 1,6 Milliarden Muslime weltweit zu sprechen, da ich mir relativ sicher bin, dass ich mit meiner Weltanschauung in einigen islamischen Ländern als Zweifler, Heuchler oder gar Ungläubiger gelten könnte – trotz der oben errechneten 3/5 Islamkompatibilität. Das liegt auch daran, dass ich als bosnischer Muslim einer Minderheit angehöre, die sich in vielen Punkten von der arabischen Mehrheit der Muslime unterscheidet. (Nicht zu vergessen die asiatischen Muslime wie z. B. in Indonesien.) Das fängt bei der Gebetshaltung an und endet etwa bei der liberaleren Interpretation des Korans. Gerade das scheint vielen Menschen aus dem westlichen Kulturkreis nicht (immer) bewusst zu sein und gerade das ist ein weiterer Grund, diesen Blog anzufangen.

Der Islam gehört zu Deutschland

Man kann ihm viel vorwerfen, aber mit diesem Satz hatte der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff absolut recht. Nicht nur die Enkel der türkischen Gastarbeiter, auch die vielen Syrer, die im Zuge der Flüchtlingskrise nach Deutschland kommen, werden dieses Land nachhaltig verändern. Der Islam wird in den kommenden Jahren eine wachsende gesellschaftliche Bedeutung erhalten und es würde mich nicht wundern, wenn ich den Bundestags-Einzug der ersten politischen Partei mit einem „I“ im Namen noch erleben würde.

Deutschland und Europa am Scheideweg

Doch zurück zur Gegenwart: Nach den sexuellen Übergriffen in der Silvesternacht in Köln droht das gesellschaftliche Klima in Deutschland zu kippen: Die Stadt Bornheim verbietet männlichen Flüchtlingen den Zugang zum Schwimmbad, 1700 Pegida-Anhänger brüllen rechte Parolen am Kölner Hauptbahnhof und ein Landshuter Landrat karrt unter falschem Vorwand 31 Flüchtlinge vor das Kanzleramt in Berlin, um auf die Überforderung der Kommunen bei der Unterbringung der Flüchtlinge aufmerksam zu machen. Die deutsche Willkommenskultur, ein beispielloser Akt der Humanität und – wenn man so will – Ausdruck eines islamischeren Verhaltens in der Flüchtlingskrise als das von nachweislich islamischen Ländern wie Saudi-Arabien oder Katar, hat nach den Ereignissen von Köln einen gewaltigen Dämpfer erhalten. Das energisch-optimistische „Wir schaffen das“ von Bundeskanzlerin Angela Merkel verhallt nun ungehört zwischen den Rufen nach mehr Polizei, schnelleren Abschiebungen und einer Verschärfung des Asylrechts.

Gleichzeitig versuchen Terrororganisationen wie der Islamische Staat den Krieg nach Europa zu tragen und Zwietracht zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen zu säen, während sich osteuropäische Staaten wie Polen, Ungarn, Tschechien oder die Slowakei allmählich aus der europäischen Solidargemeinschaft verabschieden, indem sie ganz explizit die Aufnahme von muslimischen Flüchtlingen verweigern. Somit droht der EU neben einer ökonomisch bedingten Nord-Süd-Spaltung nun auch noch eine Ost-West-Spaltung.

Ist die Angst der Osteuropäer begründet? Sollten sich die Deutschen vor dem Islam fürchten, den die Flüchtlinge importieren? Haben die Hass-Kommentatoren in sozialen Netzwerken womöglich in der Sache recht, obwohl die verbale Form inakzeptabel ist?

Doch wovon reden wir eigentlich? Reden wir über das Gleiche oder aneinander vorbei? Hören wir dem anderen auch zu?

Bevor man eine Debatte anfängt, klärt man im Idealfall vorher den Diskussionsrahmen. Dieser Grundsatz sollte auch dann gelten, wenn man über den Islam debattiert.

„Es gibt nicht DEN Islam“, heißt es immer, wenn man Experten fragt. Das ist eine berechtigte Differenzierung, denn Religion und Kultur bilden in jeder muslimischen Region auf der Welt eine vollkommen individuelle Symbiose. Das geht so weit, dass kulturelle Bräuche mit religiösen Vorschriften verwechselt werden und umgekehrt. Der interessierte westliche Beobachter (und auch der fernöstliche) wird dann aber die ebenso berechtigte Nachfrage stellen: „Welche Formen des Islams gibt es denn, wenn es schon nicht DEN EINEN gibt?“ Und was noch wichtiger ist: Wer hat die Deutungshoheit darüber, was Islam ist?

Ich gebe zu: viele Fragen und bisher kaum Antworten. Doch das soll sich ändern. Denn genau deswegen habe ich diesen Blog ins Leben gerufen. Ich wollte nur den Diskussionsrahmen klären, bevor ich mit meinen ersten Beiträgen ins Detail gehe.

Mein Ziel: Ich möchte der Frage auf den Grund gehen, warum das Thema Islam ein so schwieriges und vielschichtiges ist. Ich möchte – soweit möglich und nötig – Vorurteile entkräften, Sachverhalte differenzieren und meinen eigenen Glauben besser verstehen lernen.

Es würde mich jedenfalls glücklich machen, wenn meine künftigen Beiträge bei Andersgläubigen, Atheisten oder Agnostikern zu mehr Verständnis für und mehr Toleranz gegenüber dem Islam führen würden.

Die gesellschaftliche Realität ist: Wir alle kommen am Thema Islam nicht mehr vorbei. Doch wir haben die Wahl: Entweder wir gehen den Weg des Misstrauens und der Gewalt oder den Weg der Verständigung und der Toleranz.

Das soll jetzt aber auch reichen fürs Intro.

 

 

 

 

Ich bin ein Zweifler. Oder etwa nicht? (Intro)