Was Rechtspopulisten und Islamisten gemeinsam haben

AfD-Chefin Frauke Petry (Foto: blu-news.org [CC BY-SA 2.0], via Wikimedia Commons
Radikale Islamisten teilen die Welt in Gut und Böse ein: in Gläubige (Mu’min) und Ungläubige (Kuffar). Es ist ein dualistisches Weltbild, das einfache Antworten auf komplexe Fragen liefert. Vor allem deshalb fühlen sich manche (junge) Europäer, die nach Orientierung und Lebenssinn in einer unübersichtlichen und scheinbar sinnlosen Welt suchen, von dschihadistischen Terrororganisationen wie dem IS angezogen. Es gibt ein klar eingegrenztes Feindbild, das man für sämtliche Probleme (also auch die eigenen) verantwortlich machen kann. Gleichzeitig erfährt man einen enormen Selbstbewusstseinsschub, denn man gehört nun zu den „Guten“ und fühlt sich seinen Feinden moralisch überlegen.

Rechtspopulisten teilen die Welt in Gut und Böse ein: in Inländer und Ausländer. Es ist ein dualistisches Weltbild, das einfache Antworten auf komplexe Fragen liefert. Vor allem deshalb fühlen sich manche (junge) Europäer, die nach Orientierung und Lebenssinn in einer unübersichtlichen und scheinbar sinnlosen Welt suchen, von rechtspopulistischen Parteien wie der Front National (Frankreich), der Partij voor de Vrijheid (Niederlande) oder der FPÖ (Österreich) angezogen. Es gibt ein klar eingegrenztes Feindbild, das man für sämtliche Probleme (also auch die eigenen) verantwortlich machen kann. Gleichzeitig erfährt man einen enormen Selbstbewusstseinsschub, denn man gehört nun zu den „Guten“ und fühlt sich seinen Feinden moralisch überlegen.

Europa droht angesichts der Flüchtlingskrise und Terror-Angst nach rechts zu driften. In zahlreichen Ländern steigen die Umfragewerte von rechtspopulistischen Parteien – wenn sie nicht schon die jeweilige Landesregierung stellen. Das ARD-Europamagazin hat in einem aktuellen Beitrag die Situation skizziert:

  • In den Niederlanden ist die Partij voor de Vrijheid (Partei für die Freiheit) des Islamfeinds Geert Wilders mit 20,4 Prozent derzeit die umfragestärkste Partei.
  • Die rechtspopulistischen Sverigedemokraterna (Schwedendemokraten) sind in aktuellen Umfragen mit 16,7 Prozent drittstärkste Kraft.
  • Seit den Parlamentswahlen 2015 ist die rechtspopulistische Partei Perussuomalaiset (Die Finnen) Teil der Regierungskoalition in Finnland. Seitdem sind die Ausländergesetze massiv verschärft worden.
  • Die rechtsextreme Front National von Parteichefin Marine Le Pen hat zwar die letzten Regionalwahlen in Frankreich verloren, aber der anhaltende Ausnahmezustand seit den Pariser Terroranschlägen und die Ängste vieler Bürger vor den Folgen der Flüchtlingskrise machen die Partei trotz faschistischem Gedankengut und vordemokratischer Wirtschaftskonzepte für eine wachsende Zahl von Menschen wählbar.
  • Spätestens Ende 2017 stimmen die Briten in einem Referendum über einen EU-Austritt ab (Brexit). Premierminister David Cameron verhandelt mit der EU über Ausnahmen und Sonderregelungen für Großbritannien, um einen Brexit zu verhindern. Dabei geht es auch um die Einschränkung von Sozialleistungen für EU-Bürger, die in Großbritannien leben. Das würde rund eine Million Polen betreffen, die den größten Teil der EU-Arbeitsmigranten auf der Insel ausmachen. Die Tatsache, dass dies wiederum der PiS-Regierung in Warschau überhaupt nicht gefällt und Cameron deswegen zu einem Besuch anreisen muss, um die Wogen zu glätten, entlarvt die Doppelmoral der Nationalisten und Abschottungspolitiker innerhalb der EU.

Es ist offenkundig, was all diese Rechtspopulisten, Nationalisten und Rechtsextreme mit Dschihadisten gemeinsam haben: das dualistische Weltbild, das nur Schwarz und Weiß kennt – ohne Grautöne, geschweige denn Farben.

Doch nicht nur das: Europäische Rechte und Islamisten brauchen einander. Ohne die Angst vor dem Fremden, ohne die Angst vor anderen Kulturen oder Religionen gäbe es keine AfD und keine Front National. Sie instrumentalisieren Flüchtlingskrise und Terror-Angst, um pauschal eine ganze Glaubensgemeinschaft unter Generalverdacht zu stellen.

Doch genau das spielt den Islamisten in die Hände. Sie wollen eine Spaltung der Gesellschaft. Sie wollen eine Radikalisierung gemäßigter Muslime, die den Anfeindungen rechter Scharfmacher und deren Anhänger ausgesetzt sind. Sie wollen zwei klar umrissene Lager, die sich bekämpfen – ungefähr so wie bei Hooligans gegen Salafisten in Köln 2014. Da galt nur: „Wir gegen die.“ Das ist einfach, das verstehen selbst Menschen mit einem IQ knapp über Zimmertemperatur.

Wir sollten nicht den einfachen Weg wählen, weil die meisten von uns wissen, dass es eben nicht so einfach ist, wie es uns die Hassprediger aus beiden Lagern weismachen wollen. Die Welt ist nicht nur schwarz oder weiß. Die Welt ist ein Regenbogen, um es pathetisch auszudrücken. Mit allen nur erdenklichen Farbnuancen. Genau deswegen müssen wir Farbe bekennen.

Buchstabenglaube ist keine islamische Erfindung

Es ist auch nicht hilfreich, Muslime ständig mit kriegerischen Koranversen zu konfrontieren und sie zu befragen, wie sie dazu stehen. Aktuell leben rund vier Millionen Muslime in Deutschland, ohne dass ein Glaubenskrieg ausgebrochen ist. Das Fußgängerzonen-Quiz „Koran oder Bibel?“ zeigt, dass der Islam kein Monopol auf Grausamkeiten oder patriarchalische Haltungen hat. Muslime haben keine größere Pflicht, buchstabengläubig zu sein als Christen oder Juden. Das denken höchstens Menschen, die sich noch nie mit einem Muslim unterhalten haben. Wo ist die Wahrscheinlichkeit dafür am höchsten? Genau, in weiten Teilen Ostdeutschlands, wo Pegida und AfD kräftig gedeihen.

Die meisten Muslime in Deutschland wollen in Harmonie und Frieden mit ihren Nachbarn leben und die meisten muslimischen Flüchtlinge fliehen vor brutalen Islamisten, die ihre Länder in Schutt und Asche gelegt haben – sei es in Syrien oder in Afghanistan. Diese Menschen haben bestimmt keinen Krieg gegen die deutschen „Ungläubigen“ im Sinn, sondern wollen nur Frieden für sich und ihre Familien. In vielen Fällen messen sie der Religion gar keine so große Bedeutung bei, wie viele der besorgten Bürger glauben möchten. Die Gefahr von getarnten Terroristen, die mit dem Flüchtlingsstrom nach Deutschland kommen, ist real. Doch die Rechtspopulisten belassen es nicht bei dieser Erkenntnis, sondern nutzen sie, um den Kampf der Kulturen mit Pauschalisierungen zu befeuern.

Wer am lautesten schreit, hat nicht automatisch recht. Und wer nur einfache Antworten auf schwierige Fragen liefert, sollte einem mündigen Menschen verdächtig vorkommen. Es spielt keine Rolle, ob es sich dabei um einen Rechtspopulisten oder einen Islamisten handelt. Denn beide leben von der Angst, dem Hass und der Intoleranz der Menschen, ohne ernsthafte Lösungsvorschläge für die Probleme dieser Welt bieten zu können. Sie tun so, als wüssten sie es besser, doch unter ihrer Herrschaft würde alles zugrunde gehen, wofür europäische Staaten jahrhundertelang gekämpft haben: Freiheit, Gleichheit, Toleranz.

Abschottung und das Zurückfallen in längst überholte Denkmuster können weder bei der Flüchtlingskrise noch bei irgendeinem anderen Problem, das durch die Globalisierung entstanden ist, die Lösung sein. AfD-Wähler müssen nur nach Polen und Ungarn schauen, um zu erfahren, wie die Alternative für Deutschland konkret aussehen könnte. Würden sie das derzeitige Deutschland wirklich dafür eintauschen wollen? Ich glaube nicht. Selbst die urdeutschen Wutbürger, die sich von einer AfD-Regierung einen persönlichen Vorteil erhoffen, würden sich angesichts der unsozialen Politik enttäuscht abwenden. Doch für einen Meinungsumschwung könnte es in einem antidemokratischen System, das nicht viel von Meinungsfreiheit hält, zu spät sein. Deswegen sollte die Büchse der Pandora gar nicht erst geöffnet werden.

Was können wir tun?

Den unbequemen Weg gehen: differenzieren, (uns selbst) hinterfragen, besonnen bleiben, aber auch den Mund aufmachen.

Es steht nicht weniger als ein geeintes, demokratisches und pluralistisches Europa auf dem Spiel.

 

Was Rechtspopulisten und Islamisten gemeinsam haben

Haram-Fallen im Supermarkt-Regal

Eine Tiefkühlpizza mit Halal-Zertifikat: für Muslime unbedenklich.

In vielen Lebensmitteln sind Bestandteile von Schweinen verarbeitet, ohne dass dies ausreichend auf der Verpackung gekennzeichnet wird. Das ist für Muslime ein Problem. Denn oft finden sich Schweinrückstände in Produkten, in denen man sie nie vermutet hätte.

Das ZDF hat in seiner Dokumentation „Alle gegen Aldi“ verschiedene Lebensmittel der vier großen Discounter Aldi, Lidl, Penny und Netto in mehreren Kategorien verglichen. Am interessantesten für Muslime dürfte der Schoko-Pudding-Test gewesen sein: Die, die es bisher noch nicht wussten, dürften spätestens jetzt erfahren haben, dass in allen vier Billig-Schoko-Puddings, die für 19 Cent zu haben sind, Gelatine steckt. Den brauche die Discounter-Ware, damit der Sahne-Pudding in seinem Plastikbecher möglichst lange seine künstliche Form behält. Die auf dem Becher meist als „Speisegelatine“ angegebene Zutat stamme laut Produktentwickler Sebastian Lege zu 90 Prozent vom Schwein. Der Grund: die niedrigeren Kosten. Für Muslime ist jeglicher Verzehr von Schweinebestandteilen haram (verboten).

Komplizierter wird die Angelegenheit, wenn sich Muslime nicht auf die Zutatenliste verlassen können, weil diese wegen Kennzeichnungslücken im deutschen Lebensmittelrecht unvollständig ist oder die Herkunft bestimmter Zutaten intransparent ist.

So haben beispielsweise die Verbraucherschützer von Foodwatch bereits vor zwei Jahren tierische Bestandteile in Lebensmitteln nachgewiesen, in denen man sie nie vermutet hätte: So seien in den Snacks vom Chipshersteller Funny-Frisch vielerlei tierische Bestandteile enthalten, wie etwa Kälberlab, Schwein, Wild oder Geflügel. In den seltensten Fällen sei das auf dem Etikett gekennzeichnet. Die Produkte vom Konkurrenten Lorenz (Crunchips) kämen laut Herstellerangaben ohne „tierische Fleischbestandteile“ aus, allerdings werde im Produktionsprozess auch tierisches Lab eingesetzt. Muslime, aber auch Vegetarier und Veganer, müssen im Zweifel also einen Bogen um diese Produkte machen.

Auch beim Frischkäse lauern Haram-Fallen im Supermarkt-Regal: Savencia Fromage & Dairy (Bresso) und Rotkäppchen setzen laut Foodwatch in ihren Frischkäsesorten tierische Gelatine als Verdickungsmittel ein, Mondelēz und Kraft Heinz verzichten bei ihrem Philadelphia-Frischkäse darauf.

In der Tomatencremesuppe von Maggi (Nestlé) steckt laut Foodwatch sogar Speck als Zutat in dem Beutel. „Wer bei Tomatencremesuppe ein vegetarisches Gericht erwartet, wird hier enttäuscht“, so das ernüchternde Fazit.

Doch es gibt auch positive Beispiele: Eckes-Granini habe auf die Foodwatch-Kritik reagiert und verwende in seinen „Hohes C“-Säften inzwischen einen stärkebasierten und veganen Trägerstoff für Vitamine und nicht mehr wie früher Fischgelatine. Valensina habe seinen Orange-Mango-Ananas-Saft lange Zeit mit Schweinegelatine von Trübstoffen befreit. Seit Dezember 2013 sei der Saft laut Hersteller aber vegan. Auch der „Milram Frühlingsquark leicht“ beinhaltet nach Angaben von Foodwatch keine Gelatine mehr – der Hersteller DMK werbe sogar mit dem Label „ohne Zusatz von Gelatine“.

Trotz dieser punktuellen Erfolge bleiben aus Sicht der muslimischen Verbraucher die Produktionsbedingungen von zahlreichen Lebensmittelprodukten weiterhin intransparent. Mit Smartphone-Apps wie „HalalCheck“ können Verbraucher die Barcodes verdächtiger Produkte scannen, um zu erfahren, ob der Verzehr aus islamischer Sicht bedenklich ist oder nicht. Die App greift dabei nach Angaben des Entwicklers Ferit Cubukcuoglu auf eine Datenbank von rund 58.000 Artikeln zurück, deren Bestandteile bei den Herstellern erfragt und rechtlich belegt worden seien.

Blitz-Test: Halal-App erkennt fünf von sieben Produkten

Bei einem Blitz-Test erkannte die App fünf von sieben gescannten Produkten und erwies sich bei der Halal-Haram-Klassifizierung als zuverlässig. Die Milfina-Schlagsahne, der skandinavische Räucherlachs und der Ananas-Banane-Kokos-Smoothie von Aldi-Süd wurden von der App als halal (erlaubt) identifiziert. Die Ja!-Rohschinkenwürfel von Rewe und das alkoholfreie Erdinger Weißbier wurden korrekterweise als haram (verboten) erkannt. Hintergrund: Der deutsche Gesetz­geber erlaubt für alkoholfreie Getränke einen Höchst­gehalt von 0,5 Volumen­prozent, weswegen auch in alkoholfreien Bieren noch Spuren von Alkohol enthalten sind. Ein Rindergulasch aus der Konserve (Aldi-Süd) sowie eine reine Bio-Rind-Salami (Rewe) wurden von der App leider nicht erkannt.

Wer sich über die islamrechtlichen Grundlagen der Halal-Haram-Klassifizierung informieren möchte, kann dies auf Seiten wie „HalalWiki“ tun. Hier erfährt der Leser, warum Muslime bestimmte Tiere nicht essen dürfen. Außerdem werden Probleme erörtert, die durch die moderne Lebensmittelproduktion entstanden sind und mit denen die islamischen Rechtsschulen jeweils unterschiedlich umgehen. Es herrscht zum Beispiel Uneinigkeit darüber, ob Alkohol als Trägerstoff in Lebensmittel-Aromen halal ist. Zudem sind bestimmte Emulgatoren, die in Lebensmitteln verwendet werden, aus islamischer Sicht bedenklich.

Halal als Wirtschaftsfaktor

Lebensmittel mit Halal-Siegel werden zunehmend zu einem globalen Wirtschaftsfaktor: 2012 wurden nach Angaben von Statista weltweit rund 1,09 Billionen US-Dollar mit Lebensmitteln und Getränken umgesetzt, die den islamischen Reinheitsvorschriften entsprechen. Europa hinkt in dieser Statistik noch weit hinterher, doch auch die deutsche Lebensmittelindustrie dürfte in den kommenden Jahren stärker auf die neuen Verbraucherwünsche eingehen, die sich aus dem demografischen Wandel ergeben. Bereits jetzt leben rund vier Millionen Muslime in Deutschland, Tendenz steigend. Zusätzlich kommen im Zuge der Flüchtlingskrise Tausende syrische, irakische und afghanische Asylbewerber ins Land – und mit ihnen auch ihre islamischen Ernährungsgewohnheiten.

Haram-Fallen im Supermarkt-Regal

Ich bin ein Zweifler. Oder etwa nicht? (Intro)

Irgendwie fühlen sich diese ersten Blog-Zeilen überaus narzisstisch an. Als hätte ich der Welt mehr und Wichtigeres mitzuteilen als andere Menschen, die sich mit der Materie schon viel länger beschäftigen als ich. Dennoch komme ich nicht umhin, diesen Blog über meinen Glauben zu starten – sei es aus niederen, narzisstischen Beweggründen, sei es aus wahrhaftigem Interesse an Aufklärung, interkulturellem Dialog und gegenseitigem Verständnis. Ich spüre schon seit langem dieses innere Bedürfnis, meine Gedanken dazu in Schriftform festzuhalten und der Welt mitzuteilen. Und ich denke, dass ich das besser kann als manche „Experten“, die in Essays oder politischen Talkshows über den Islam dozieren. Wie komme ich zu dieser Einschätzung?

Warum ein Islam-Blog?

Ein Muslim in Deutschland, der aus seinem Glauben kein Geheimnis macht und nicht ausschließlich in einer islamischen Community lebt, gerät früher oder später mit einem Andersgläubigen, einem Atheisten oder einem Agnostiker in einen religiösen Dialog. Oft geschieht das bei gesellschaftlichen Anlässen, wenn man die Datteln im Speckmantel ablehnt und dafür offen den Grund benennt. (Nicht, dass Muslime etwas gegen Datteln hätten – der Prophet Mohammed s.a.w.s. soll mit ihnen immer sein Fasten gebrochen haben – nur die Speckhülle passt uns nicht so ganz).

Dieser ersten Enthüllung folgt der Dialog: Oft fragt mich mein Gegenüber aus reinem Interesse nach den religiösen Vorschriften im Islam und ob Muslime wirklich fünf Mal am Tag beten müssen und tatsächlich auch im Hochsommer fasten müssen. Meistens kann ich ihm auf diese Fragen sehr eindeutige Antworten geben, indem ich die fünf Säulen des Islams (Glaubensbekenntnis, tägliches Gebet, Fasten, Almosen-Steuer und die Pilgerfahrt nach Mekka) aufzähle. Nach einem mitleidigen Nicken, dass mir suggerieren soll, ich hätte die anstrengendste Buchreligion von allen abbekommen, fragt er mich schließlich, ob ich persönlich auch alle diese Vorschriften befolge. Ab diesem Zeitpunkt kann das Gespräch in einen Rechtfertigungs-Monolog abdriften, da ich dann immer zugeben muss, dass ich das fünfmalige, tägliche Gebet nicht fünf Mal und nicht täglich ausführe. Auch das mit dem Fasten habe ich erst vor etwa fünf Jahren angefangen und wenn ich ehrlich bin, habe ich seitdem vielleicht einen Ramadan durchgefastet. Die Almosen-Steuer entrichte ich übers Internet und für die Pilgerfahrt nach Mekka fehlte mir bisher das Geld. Bleibt noch das islamische Glaubensbekenntnis, dass ich mehrmals täglich auf Arabisch aufsage. Immer bevor ich einschlafe und immer mal wieder zwischendurch: „Ich bezeuge, dass es keinen Gott außer Allah gibt und bezeuge, dass Mohammed sein Gesandter ist.“

Bin ich ein 3/5-Muslim?

Und dann stelle ich mir immer wieder diese eine Frage: Reicht das? Zählt jede Säule gleich? Angenommen, ich faste ab sofort jeden Ramadan durch, bin ich dann ein 3/5-Muslim? Klingt immerhin besser als 2/5, ist schließlich mehr als die Hälfte. Gibt es 5/5-Muslime, die alle Vorschriften befolgen, aber trotzdem schlechte Menschen sind? Ist so etwas überhaupt möglich, wenn man alle Anweisungen Gottes befolgt oder wird man dann automatisch gereinigt, egal was vorher war? Solche Gedankennetze spinne ich in meinem Kopf, immer weiter, immer feiner, während mein Gegenüber schon längst das Thema gewechselt hat. Ist es das wert, über solche Sachen sein Leben lang nachzudenken? Meine klare Antwort: ja. Der einzige Unterschied zu früher ist, dass ich ab sofort (rein theoretisch) die gesamte Menschheit daran teilhaben lassen will. Vielleicht finden es manche genauso spannend wie ich, egal ob Glaubensbrüder, -Schwestern, Juden, Christen, Buddhisten, Hinduisten, Atheisten oder Agnostiker.

Terror, Flüchtlingskrise, Silvester in Köln

Andere Gespräche, die sich nicht um die reinen Glaubenspraktiken drehen, dienen meinem Gegenüber als Vergewisserung, wie Muslime zu bestimmten gesellschaftlichen Debatten stehen oder Nachrichten aus der Weltpolitik bewerten, die mit dem Islam zu tun haben oder (fälschlicherweise) mit dem Islam konnotiert werden. Ist der IS-Terror islamimmanent? Ist die Sorge berechtigt, dass sich muslimische Flüchtlinge nicht (gut) in Deutschland integrieren können? Hat der Islam ein mittelalterliches Frauenbild, das muslimische Männer zu Chauvinisten macht, die sich dann wie in Köln sexuell an Frauen vergreifen? Sollten sich aufgeklärte Muslime nicht entschieden von solchen Taten distanzieren? Oder braucht der Islam gar eine Reform, einen muslimischen Luther?

Sehr oft fühle ich mich überfordert, wenn mich mein Gegenüber dabei implizit auffordert, stellvertretend für rund 1,6 Milliarden Muslime weltweit zu sprechen, da ich mir relativ sicher bin, dass ich mit meiner Weltanschauung in einigen islamischen Ländern als Zweifler, Heuchler oder gar Ungläubiger gelten könnte – trotz der oben errechneten 3/5 Islamkompatibilität. Das liegt auch daran, dass ich als bosnischer Muslim einer Minderheit angehöre, die sich in vielen Punkten von der arabischen Mehrheit der Muslime unterscheidet. (Nicht zu vergessen die asiatischen Muslime wie z. B. in Indonesien.) Das fängt bei der Gebetshaltung an und endet etwa bei der liberaleren Interpretation des Korans. Gerade das scheint vielen Menschen aus dem westlichen Kulturkreis nicht (immer) bewusst zu sein und gerade das ist ein weiterer Grund, diesen Blog anzufangen.

Der Islam gehört zu Deutschland

Man kann ihm viel vorwerfen, aber mit diesem Satz hatte der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff absolut recht. Nicht nur die Enkel der türkischen Gastarbeiter, auch die vielen Syrer, die im Zuge der Flüchtlingskrise nach Deutschland kommen, werden dieses Land nachhaltig verändern. Der Islam wird in den kommenden Jahren eine wachsende gesellschaftliche Bedeutung erhalten und es würde mich nicht wundern, wenn ich den Bundestags-Einzug der ersten politischen Partei mit einem „I“ im Namen noch erleben würde.

Deutschland und Europa am Scheideweg

Doch zurück zur Gegenwart: Nach den sexuellen Übergriffen in der Silvesternacht in Köln droht das gesellschaftliche Klima in Deutschland zu kippen: Die Stadt Bornheim verbietet männlichen Flüchtlingen den Zugang zum Schwimmbad, 1700 Pegida-Anhänger brüllen rechte Parolen am Kölner Hauptbahnhof und ein Landshuter Landrat karrt unter falschem Vorwand 31 Flüchtlinge vor das Kanzleramt in Berlin, um auf die Überforderung der Kommunen bei der Unterbringung der Flüchtlinge aufmerksam zu machen. Die deutsche Willkommenskultur, ein beispielloser Akt der Humanität und – wenn man so will – Ausdruck eines islamischeren Verhaltens in der Flüchtlingskrise als das von nachweislich islamischen Ländern wie Saudi-Arabien oder Katar, hat nach den Ereignissen von Köln einen gewaltigen Dämpfer erhalten. Das energisch-optimistische „Wir schaffen das“ von Bundeskanzlerin Angela Merkel verhallt nun ungehört zwischen den Rufen nach mehr Polizei, schnelleren Abschiebungen und einer Verschärfung des Asylrechts.

Gleichzeitig versuchen Terrororganisationen wie der Islamische Staat den Krieg nach Europa zu tragen und Zwietracht zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen zu säen, während sich osteuropäische Staaten wie Polen, Ungarn, Tschechien oder die Slowakei allmählich aus der europäischen Solidargemeinschaft verabschieden, indem sie ganz explizit die Aufnahme von muslimischen Flüchtlingen verweigern. Somit droht der EU neben einer ökonomisch bedingten Nord-Süd-Spaltung nun auch noch eine Ost-West-Spaltung.

Ist die Angst der Osteuropäer begründet? Sollten sich die Deutschen vor dem Islam fürchten, den die Flüchtlinge importieren? Haben die Hass-Kommentatoren in sozialen Netzwerken womöglich in der Sache recht, obwohl die verbale Form inakzeptabel ist?

Doch wovon reden wir eigentlich? Reden wir über das Gleiche oder aneinander vorbei? Hören wir dem anderen auch zu?

Bevor man eine Debatte anfängt, klärt man im Idealfall vorher den Diskussionsrahmen. Dieser Grundsatz sollte auch dann gelten, wenn man über den Islam debattiert.

„Es gibt nicht DEN Islam“, heißt es immer, wenn man Experten fragt. Das ist eine berechtigte Differenzierung, denn Religion und Kultur bilden in jeder muslimischen Region auf der Welt eine vollkommen individuelle Symbiose. Das geht so weit, dass kulturelle Bräuche mit religiösen Vorschriften verwechselt werden und umgekehrt. Der interessierte westliche Beobachter (und auch der fernöstliche) wird dann aber die ebenso berechtigte Nachfrage stellen: „Welche Formen des Islams gibt es denn, wenn es schon nicht DEN EINEN gibt?“ Und was noch wichtiger ist: Wer hat die Deutungshoheit darüber, was Islam ist?

Ich gebe zu: viele Fragen und bisher kaum Antworten. Doch das soll sich ändern. Denn genau deswegen habe ich diesen Blog ins Leben gerufen. Ich wollte nur den Diskussionsrahmen klären, bevor ich mit meinen ersten Beiträgen ins Detail gehe.

Mein Ziel: Ich möchte der Frage auf den Grund gehen, warum das Thema Islam ein so schwieriges und vielschichtiges ist. Ich möchte – soweit möglich und nötig – Vorurteile entkräften, Sachverhalte differenzieren und meinen eigenen Glauben besser verstehen lernen.

Es würde mich jedenfalls glücklich machen, wenn meine künftigen Beiträge bei Andersgläubigen, Atheisten oder Agnostikern zu mehr Verständnis für und mehr Toleranz gegenüber dem Islam führen würden.

Die gesellschaftliche Realität ist: Wir alle kommen am Thema Islam nicht mehr vorbei. Doch wir haben die Wahl: Entweder wir gehen den Weg des Misstrauens und der Gewalt oder den Weg der Verständigung und der Toleranz.

Das soll jetzt aber auch reichen fürs Intro.

 

 

 

 

Ich bin ein Zweifler. Oder etwa nicht? (Intro)