Haram-Fallen im Supermarkt-Regal

Eine Tiefkühlpizza mit Halal-Zertifikat: für Muslime unbedenklich.

In vielen Lebensmitteln sind Bestandteile von Schweinen verarbeitet, ohne dass dies ausreichend auf der Verpackung gekennzeichnet wird. Das ist für Muslime ein Problem. Denn oft finden sich Schweinrückstände in Produkten, in denen man sie nie vermutet hätte.

Das ZDF hat in seiner Dokumentation „Alle gegen Aldi“ verschiedene Lebensmittel der vier großen Discounter Aldi, Lidl, Penny und Netto in mehreren Kategorien verglichen. Am interessantesten für Muslime dürfte der Schoko-Pudding-Test gewesen sein: Die, die es bisher noch nicht wussten, dürften spätestens jetzt erfahren haben, dass in allen vier Billig-Schoko-Puddings, die für 19 Cent zu haben sind, Gelatine steckt. Den brauche die Discounter-Ware, damit der Sahne-Pudding in seinem Plastikbecher möglichst lange seine künstliche Form behält. Die auf dem Becher meist als „Speisegelatine“ angegebene Zutat stamme laut Produktentwickler Sebastian Lege zu 90 Prozent vom Schwein. Der Grund: die niedrigeren Kosten. Für Muslime ist jeglicher Verzehr von Schweinebestandteilen haram (verboten).

Komplizierter wird die Angelegenheit, wenn sich Muslime nicht auf die Zutatenliste verlassen können, weil diese wegen Kennzeichnungslücken im deutschen Lebensmittelrecht unvollständig ist oder die Herkunft bestimmter Zutaten intransparent ist.

So haben beispielsweise die Verbraucherschützer von Foodwatch bereits vor zwei Jahren tierische Bestandteile in Lebensmitteln nachgewiesen, in denen man sie nie vermutet hätte: So seien in den Snacks vom Chipshersteller Funny-Frisch vielerlei tierische Bestandteile enthalten, wie etwa Kälberlab, Schwein, Wild oder Geflügel. In den seltensten Fällen sei das auf dem Etikett gekennzeichnet. Die Produkte vom Konkurrenten Lorenz (Crunchips) kämen laut Herstellerangaben ohne „tierische Fleischbestandteile“ aus, allerdings werde im Produktionsprozess auch tierisches Lab eingesetzt. Muslime, aber auch Vegetarier und Veganer, müssen im Zweifel also einen Bogen um diese Produkte machen.

Auch beim Frischkäse lauern Haram-Fallen im Supermarkt-Regal: Savencia Fromage & Dairy (Bresso) und Rotkäppchen setzen laut Foodwatch in ihren Frischkäsesorten tierische Gelatine als Verdickungsmittel ein, Mondelēz und Kraft Heinz verzichten bei ihrem Philadelphia-Frischkäse darauf.

In der Tomatencremesuppe von Maggi (Nestlé) steckt laut Foodwatch sogar Speck als Zutat in dem Beutel. „Wer bei Tomatencremesuppe ein vegetarisches Gericht erwartet, wird hier enttäuscht“, so das ernüchternde Fazit.

Doch es gibt auch positive Beispiele: Eckes-Granini habe auf die Foodwatch-Kritik reagiert und verwende in seinen „Hohes C“-Säften inzwischen einen stärkebasierten und veganen Trägerstoff für Vitamine und nicht mehr wie früher Fischgelatine. Valensina habe seinen Orange-Mango-Ananas-Saft lange Zeit mit Schweinegelatine von Trübstoffen befreit. Seit Dezember 2013 sei der Saft laut Hersteller aber vegan. Auch der „Milram Frühlingsquark leicht“ beinhaltet nach Angaben von Foodwatch keine Gelatine mehr – der Hersteller DMK werbe sogar mit dem Label „ohne Zusatz von Gelatine“.

Trotz dieser punktuellen Erfolge bleiben aus Sicht der muslimischen Verbraucher die Produktionsbedingungen von zahlreichen Lebensmittelprodukten weiterhin intransparent. Mit Smartphone-Apps wie „HalalCheck“ können Verbraucher die Barcodes verdächtiger Produkte scannen, um zu erfahren, ob der Verzehr aus islamischer Sicht bedenklich ist oder nicht. Die App greift dabei nach Angaben des Entwicklers Ferit Cubukcuoglu auf eine Datenbank von rund 58.000 Artikeln zurück, deren Bestandteile bei den Herstellern erfragt und rechtlich belegt worden seien.

Blitz-Test: Halal-App erkennt fünf von sieben Produkten

Bei einem Blitz-Test erkannte die App fünf von sieben gescannten Produkten und erwies sich bei der Halal-Haram-Klassifizierung als zuverlässig. Die Milfina-Schlagsahne, der skandinavische Räucherlachs und der Ananas-Banane-Kokos-Smoothie von Aldi-Süd wurden von der App als halal (erlaubt) identifiziert. Die Ja!-Rohschinkenwürfel von Rewe und das alkoholfreie Erdinger Weißbier wurden korrekterweise als haram (verboten) erkannt. Hintergrund: Der deutsche Gesetz­geber erlaubt für alkoholfreie Getränke einen Höchst­gehalt von 0,5 Volumen­prozent, weswegen auch in alkoholfreien Bieren noch Spuren von Alkohol enthalten sind. Ein Rindergulasch aus der Konserve (Aldi-Süd) sowie eine reine Bio-Rind-Salami (Rewe) wurden von der App leider nicht erkannt.

Wer sich über die islamrechtlichen Grundlagen der Halal-Haram-Klassifizierung informieren möchte, kann dies auf Seiten wie „HalalWiki“ tun. Hier erfährt der Leser, warum Muslime bestimmte Tiere nicht essen dürfen. Außerdem werden Probleme erörtert, die durch die moderne Lebensmittelproduktion entstanden sind und mit denen die islamischen Rechtsschulen jeweils unterschiedlich umgehen. Es herrscht zum Beispiel Uneinigkeit darüber, ob Alkohol als Trägerstoff in Lebensmittel-Aromen halal ist. Zudem sind bestimmte Emulgatoren, die in Lebensmitteln verwendet werden, aus islamischer Sicht bedenklich.

Halal als Wirtschaftsfaktor

Lebensmittel mit Halal-Siegel werden zunehmend zu einem globalen Wirtschaftsfaktor: 2012 wurden nach Angaben von Statista weltweit rund 1,09 Billionen US-Dollar mit Lebensmitteln und Getränken umgesetzt, die den islamischen Reinheitsvorschriften entsprechen. Europa hinkt in dieser Statistik noch weit hinterher, doch auch die deutsche Lebensmittelindustrie dürfte in den kommenden Jahren stärker auf die neuen Verbraucherwünsche eingehen, die sich aus dem demografischen Wandel ergeben. Bereits jetzt leben rund vier Millionen Muslime in Deutschland, Tendenz steigend. Zusätzlich kommen im Zuge der Flüchtlingskrise Tausende syrische, irakische und afghanische Asylbewerber ins Land – und mit ihnen auch ihre islamischen Ernährungsgewohnheiten.

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