Was die Welt aus dem Innersten heraus auseinandertreibt

Ok, jetzt wird es grundsätzlich. Und das ist auch zwingend notwendig. Denn die Welt, wie wir sie kennen (oder zu kennen glauben), scheint vollkommen aus den Fugen zu geraten: Missglückter Militärputsch in der Türkei, Gewaltwelle in Deutschland, Frankreich im Würgegriff des IS-Terrors, Brexit, ein drohender US-Präsident Donald Trump, Rechtspopulisten in Europa wohin man blickt, Syrien-Krieg, Flüchtlingskrise – man könnte diese Aufzählung beliebig fortsetzen und es würde nicht besser werden.

Doch warum ist die Welt so (geworden)? War sie schon immer so und wir sicheren Hafenbewohner in Europa haben es bisher nicht bemerkt? Oder haben wir zu lange die Augen vor dem Leid der Welt verschlossen und nun bekommen wir auch unseren gerechten Anteil ab? Es sind viele Fragen, die die (besorgten) Bürger umtreiben und es scheint so, als ob die Antworten darauf nicht Verständigung, Toleranz und Empathie heißen, sondern Abschottung, Nationalismus und Ignoranz.

Wie konnte es so weit kommen?

Warum wird alles gefühlt radikaler als es vielleicht vor 50 Jahren gewesen ist?

Die oben aufgeführten Beispiele lassen sich zweifelsohne nicht in einen Topf werfen, da sie ganz individuelle Ursachen haben, die sich nicht miteinander vergleichen lassen. Doch eine Tendenz haben alle aufgeführten Phänomene gemeinsam: Radikales Gedankengut scheint im Aufwind und das Misstrauen in Europa wächst: das Misstrauen gegenüber der EU, das Misstrauen gegenüber Einwanderern, das Misstrauen gegenüber politischen Amtsträgern und das Misstrauen gegenüber Medien und dem Bild der Realität, das sie transportieren.

Immer mehr Menschen bewegen sich in einer ganz eigenen Realität und bestimmte Denkmuster, die früher Gemeingut waren, zerfallen in immer mehr Einzelströmungen, die unvereinbar scheinen.

AfD-Sympathisanten sehen Bundeskanzlerin Angela Merkel, die vor ein paar Jahren noch als Macherin des wirtschaftlichen Erfolgs des Landes und als souveräne Krisenmanagerin in der Finanzkrise galt, inzwischen als Totengräberin der Bundesrepublik an. Und das nur, weil sie in einem für sie bis dato untypischen Akt der Humanität nicht zuschauen wollte, wie sich tausende Flüchtlinge unter menschenunwürdigen Bedingungen in Ungarn stapeln. Es war nicht mit den anderen europäischen Ländern abgesprochen, es war sehr spontan, also sehr undeutsch, was Merkel im Sommer 2015 gemacht hat. Und genau dafür sollte man sie lieben, trotz der ganzen Probleme und Unwägbarkeiten, die eine solche Entscheidung mit sich bringt. Und auch wenn es viele strukturschwache Regionen im Osten Deutschlands gibt, die bis heute noch die Treuhandanstalt verfluchen, muss man ganz nüchtern feststellen: Wir in Deutschland haben im Vergleich zum Rest der Welt sehr viel und wir können viel abgeben. Im Übrigen sind die meisten Flüchtlinge im Westen der Republik untergebracht und nicht im Osten, wo die AfD die größte Anhängerschaft hat.

Doch um richtige Sachargumente scheint es nicht mehr zu gehen. Schrille Forderungen, die teilweise nicht einmal mit dem Grundgesetz vereinbar sind, finden in fast allen Gesellschaftsschichten Gehör – die Gesellschaft ist ein beängstigendes Stück nach Rechts gerückt. Verschwörungstheorien machen die Runde bis hin zu der weit verbreiteten Behauptung, die deutsche Regierung hätte ganz bewusst die „Flüchtlingsmassen“ ins Land gelassen, um ganz Deutschland zu destabilisieren oder zu zerstören.

Wie kommen Menschen in Deutschland auf solche Gedanken und was hat das Ganze mit „Wetten, dass…?“ zu tun?

Folgendes: Früher, im Prä-Globalisierungs-Zeitalter, wurden die Nationalstaaten mit globalen Problemen „in Ruhe gelassen“ und hatten mehr Zeit, sich mit den eigenen Problemen auseinanderzusetzen. Berichte aus dem Ausland gab es zwar, doch hatten die Entwicklungen im Nahen Osten nur bedingt etwas mit den nationalen Fragen zu tun – außer zu Zeiten der Ölkrise in den 1970-er Jahren. Jeder Staat hat sein eigenes Süppchen gekocht und vor dem Schengen-Abkommen wurde alles Wichtige nur innerhalb der eigenen nationalen Grenzen geregelt: Arbeitsmarkt, Rentenpolitik oder Sicherheitspolitik – über all das wurde nur innerhalb der eigenen kleinen Gartenzaun-Grenzen debattiert. Und samstags gab es das gesamtdeutsche TV-Lagerfeuer mit Thomas Gottschalk und einer Prise Chauvinismus, die damals noch erlaubt war.

Die Welt war trotz des Kalten Krieges gefühlt überschaubarer, da die Informationsbeschaffung kollektiv über die Massenmedien nach dem Gatekeeper-Prinzip erfolgte: Das, was die großen Tageszeitungen und die Tagesschau-Redaktion für wichtig hielten, wurde dem Publikum präsentiert – den Rest bekam es gar nicht mit. Durch diese Vorauswahl waren die Gesprächsthemen am Montagmorgen auf der Arbeit überall die gleichen – das gesellschaftliche Kollektivwissen war homogener als heute. Dies ergab sich natürlich aus einem Mangel an Alternativen der Informationsbeschaffung, war kognitiv aber leichter zu verarbeiten. Alle, die einen Fernseher besaßen, sahen am Samstag die Tagesschau und danach „Wetten, dass…?“. Einfach, oder? Schon diese Reduktion der erlebten Realität verbunden mit der Gewissheit, am Kollektivwissen der Gesellschaft teilzuhaben, ließ weniger Raum für radikale Ansichten von Minderheiten. Rein strukturell hatten radikale Minderheiten damals gar nicht die Möglichkeit, ein Millionenpublikum zu erreichen, sondern waren vom Wohlwollen und der Berichterstattung der Massenmedien abhängig. Selbst die RAF musste dieses Vehikel nutzen und konnte nicht etwa im Internet um Anhänger werben, wie es der IS heute tut.

Mit der Verbreitung des Internets und der daraus resultierenden Entgrenzung von Informationen, Warenhandel und Dienstleistungen wurden globale Probleme plötzlich auch zu nationalen Problemen und die Nationalstaaten wurden vor bislang ungekannte Herausforderungen gestellt. Gleichzeitig erfuhr das gesamte Mediensystem einen beispiellosen Grad der Fragmentierung. Die Massenmedien als Gatekeeper wurden nicht mehr benötigt und verloren ihre Monopolstellung bei der Beschaffung und Vermittlung von Informationen. Ihnen blieb im Zeitalter von Facebook & Co. nur noch die Rolle von Kuratoren, Aggregatoren und Gatewatchern.

Heute kann jeder Erdenbürger mit einem Smartphone und Internetzugang erfahren, wie gut es den Industrienationen geht und wie schlecht das Leben im eigenen Land wirklich ist. Das weckt Begehrlichkeiten nach einem besseren Leben. Und warum auch nicht? Ein Familienvater im Bürgerkriegsland Syrien kommt dann schnell auf die Idee, dass es vielleicht besser wäre, mit seiner Familie in Deutschland zu leben als in der Trümmerlandschaft von Aleppo.

Gleichzeitig bewegen sich viele Deutsche in einer Filterblase der sozialen Medien, die nur ihre Vorurteile bestätigt: Flüchtlinge sind kriminell, sie vergewaltigen Frauen und sie importieren einen fundamentalistischen Islam nach Deutschland. Das sind gängige Vorurteile, die nicht entkräftet werden können, weil die Freundesliste nur aus Gleichgesinnten besteht. Jeder bleibt in seiner eigenen Teilwahrheit gefangen und erliegt gleichzeitig dem psychologischen Phänomen, nur die eigenen Denkweisen immer und immer wieder zu verifizieren und nicht zu falsifizieren. Dieses psychologische Phänomen nennt sich in der Wissenschaft „Bestätigungsfehler“ und tritt in den sozialen Medien sehr oft in Kombination mit den Phänomenen „kognitive Dissonanz“ und „Gruppenpolarisierung“ auf. Eine tolle aktuelle Analyse zu diesen Phänomenen liefert Gerret von Nordheim (European Journalism Observatory).

Letztlich ist das Individualismus in seiner hässlichsten Ausprägung.

Verschwörungstheorien, Falschmeldungen und gezielte Propaganda (zum Beispiel aus Russland) haben in einem solchen Umfeld leichtes Spiel. Die Radikalisierung schreitet voran und bedient sich dabei nur des technischen „Fortschritts“.

Genauso die Gegenseite: Der Westen ist dekadent, die Frauen laufen alle halbnackt rum und an jeder Ecke wird gesündigt: Die Filterblasen von sozialen Medien sind auch ein idealer Brutkasten für islamistische Terroristen, nicht nur für deutsche Rechtspopulisten. Die Medien, die im globalen Scoop-Konkurrenzkampf immer schneller und immer unreflektierter Meldungen veröffentlichen, werden zwischen diesen Polen zerrieben und die Wahrhaftigkeit bleibt zwangsläufig auf der Strecke.

Was fehlt?

In dieser hyperindividualisierten Meinungsbildungslandschaft gibt es keinen Platz mehr für Überparteiliche, für universelle Denker, für Philosophen. Jürgen Habermas oder Theodor Adorno mögen vielleicht in der Vergangenheit gesamtgesellschaftliche Diskurse angestoßen haben, doch heute haben solche Intellektuellen keine Chance mehr. Da jede Debatten-Realität auf den Facebook- oder Twitter-Feed eines jeden Nutzers heruntergebrochen wird, schwinden die Chancen für objektive Auseinandersetzungen mit aktuellen Themen zunehmend. Die Bachelor- und Master-Fachidioten als Resultat der Bologna-Reform sorgen dafür, dass solche universellen Diskurse auch an den Universitäten unseres Landes immer seltener werden. Auch damit lässt sich das immer radikalere Gedankengut selbst unter gebildeten Menschen erklären. Das Humboldtsche Bildungsideal, es fristet, wenn überhaupt, nur noch ein Nischendasein.

Deswegen rate ich euch allen, die das Abendland verteidigen möchten: Lest Aristoteles, lest Sokrates, lest Kant, lest Voltaire, lest Schopenhauer, lest Nietzsche, lest Goethe, lest Schiller, lest Lessing – und wenn ihr jünger seid: lest Richard David Precht und steigt bitte erst dann in den gesamtgesellschaftlichen Diskurs ein.

Ein paar Youtube-Videos, Wikipedia-Einträge oder Blogposts 😉 reichen einfach nicht aus, um sich ein fundiertes Bild von unserer so komplexen Welt zu machen.

Auf der anderen Seite prasselt durch die technische Omnipotenz, die wir heute besitzen, die gesamte Komplexität der Welt ununterbrochen und meist ungefiltert auf uns ein – zu viel für unser Gehirn, das ohne Filtermechanismen und Reduktion nicht auskommt. Die Kurzschlüsse, die angesichts dieser ständigen Überforderung entstehen, können in einer Radikalisierung des Denkens münden.

Es kommt dann zur Flucht in simple Teilwahrheiten und das eigene, kleine, selbsterschaffene Biotop des Einfachen. Die wahre Komplexität der Welt wird nicht mehr zur Kenntnis genommen. Die Folgen: geistige Abschottung, Selbstbestätigung unter Gleichgesinnten, Verfestigung von eigenen Denkweisen und Vorurteilen, Radikalisierung.

Radikal zu denken ist zwar einfacher fürs Gehirn, da einfache Schablonen zum Einsatz kommen. Gleichzeitig ist es aber der Tod des Intellekts.

 

Was die Welt aus dem Innersten heraus auseinandertreibt

Ach, der Gauland schon wieder…

Ich muss zugeben, dass es allmählich langweilig wird, Forderungen der AfD auf ihre Gesetzmäßigkeit und Verfassungstreue zu überprüfen, aber Partei-Vize Alexander Gauland hat mal wieder einen besonders absurden Vorschlag rausgehauen und da ich einen guten Tag habe, gehe ich mal (ganz im Sinne der AfD) darauf ein: Unser aller Lieblingsnachbar will das Asylrecht für Muslime aussetzen. Wir könnten es uns aus Sicherheitsgründen nicht mehr leisten, noch mehr Muslime nach Deutschland einwandern zu lassen. Die Gewalttaten von Würzburg und Ansbach reichen der AfD allemal, um allen Muslimen implizit eine Art Terror-Gen zuzuschreiben, vor dem Deutschland geschützt werden muss.

Herr Gauland, ich gehe nicht davon aus, dass Sie selbst glauben, dass ein derartiger Vorschlag auch nur im Ansatz mit dem deutschen Grundgesetz vereinbar ist. Dort heißt es nämlich im Artikel 16a: „Politisch Verfolgte genießen Asylrecht.“ Ausnahmen gelten nur, wenn die Flüchtlinge aus einem anderen EU-Land oder aus einem sicheren Herkunftsstaat einreisen. Und nein, es steht an keiner Stelle, dass nur Christen oder nur Juden oder nur Atheisten Asylrecht genießen. Grundrechte sind für alle da – auch für Muslime, die Ihnen ein solches Dorn im Auge zu sein scheinen.

Aber wahrscheinlich geht es Ihnen nur darum, den Stammtisch aufzustacheln und damit dürften Sie auch erneut Erfolg haben. An der Widerwärtigkeit Ihrer Motive ändert ein solcher „Erfolg“ aber auch nichts.

Ich bin schon auf morgen gespannt, wenn Sie mal wieder zurückrudern und beteuern, das sei alles nicht so gemeint gewesen und man habe Sie falsch zitiert oder Ähnliches.

Ach, der Gauland schon wieder…

Islam und Gewalt – Zeit für Klartext

In der TV-Talkshow „Hart aber fair“ haben die Gäste von Moderator Frank Plasberg am Montagabend über das Thema „Terror im Namen Gottes – hat der Islam ein Gewaltproblem?“ diskutiert. Zu Gast waren Konstantin Schreiber, Moderator der Sendung „Marhaba – Ankommen in Deutschland“ (n-tv), Holger Münch, Präsident des Bundeskriminalamts, Katrin Göring-Eckardt, Fraktionschefin der Grünen, Michael Wolffsohn, Historiker und Publizist sowie Abdassamad El-Yazidi, hessischer Landesvorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland.

Gerade von El-Yazidi hätte man sich bei diesem Thema mehr Klartext erhofft, doch der ZdM-Vertreter zeigte während der Diskussion überhaupt kein Interesse daran, die kontroversen Themen innerhalb der muslimischen Glaubensgemeinschaft anzupacken und sich deutlich zu positionieren:

  • Als es um das Thema Salafismus ging, antwortete El-Yazidi gar nicht auf die ihm gestellte Frage, nämlich ob er es als deutscher Islamvertreter als Niederlage empfinde, dass sich viele junge Menschen den Salafisten anschlössen. Stattdessen setzte er zu einem Referat über die historischen Ursprünge des Salafismus und dessen „historische Verwurzelung im Islam“ an. Jeder in Deutschland meine mit dem Begriff „Salafismus“ etwas anderes, so El-Yazidi. Die Gesellschaft solle sich darauf einigen, Extremismus und Fanatismus nicht zuzulassen, das Problem werde aber nicht gelöst, wenn man ihm den Namen „Salafismus“ gebe.

Natürlich wird das Problem der Radikalisierung nicht alleine dadurch gelöst, dass man das Augenmerk auf die salafistische Strömung innerhalb des Islams richtet, aber ein erster wichtiger Schritt ist es allemal. Immerhin sind es vor allem die Salafisten, die offensiv in Deutschlands Fußgängerzonen und vielen Moscheen um neue Leute werben. Nicht wenige bezeichnen sie als die „besseren Sozialarbeiter“. Salafistische „Popstars“ wie Pierre Vogel mit dutzenden von Youtube-Videos sind zu Identifikationsfiguren vieler Jugendlicher aus muslimischen, aber auch nicht-muslimischen Familien geworden. Warum ist das gefährlich? Weil so gut wie alle Gefährder aus dem islamistischen Spektrum, denen das BKA zutraut, in Deutschland terroristische Anschläge zu begehen, gleichzeitig Salafisten sind. Weil so gut wie alle Syrien-Kämpfer aus Deutschland Salafisten sind. Weil Extremismus und Fanatismus etwas mit Salafismus zu tun haben. Das sollte ein deutscher Islamvertreter in einer TV-Talkshow nicht unter den Teppich kehren. Und nein, nicht jeder in Deutschland versteht unter „Salafismus“ etwas anderes. Eher ist es so, dass eigentlich alle das Gleiche unter „Salafismus“ verstehen: Männer mit langen Bärten, Häkelmützen und weiten Gewändern. Und das ist gar nicht so falsch, da sich die Salafiyya-Bewegung geistig auf die „Altvorderen“ rückbesinnt. Damit sind vor allem der Prophet Mohammed und die ersten drei Generationen von Muslimen gemeint. Salafisten kleiden sich wie die Muslime vor 1400 Jahren, sie idealisieren die damalige „Umma“ (muslimische Weltglaubensgemeinschaft) und sehen das Leben, wie es damals war, als Blaupause für alle Muslime an, auch im Jahr 2016. Historische Kontextualisierung lehnen sie zu Gunsten des Buchstabenglaubens ab. Salafisten sind im Wortsinn „fundamentalistisch“, da sie sich in ihrem Handeln ausschließlich vom Koran und der Sunna (Leben, Worte und Taten des Propheten Mohammed) leiten lassen. Sie verstehen sich als die einzig wahre Gemeinschaft der Gläubigen und sind der Überzeugung, dass nur sie den Islam so leben, wie es Gott vorgeschrieben hat. Das hat zur Folge, dass unter Salafisten der Anteil derer, die Takfir praktizieren, also andere Muslime zu Ungläubigen erklären, wesentlich höher ist als in anderen islamischen Strömungen. So kommen viele Experten zu dem Schluss, dass der Salafismus eher eine Ideologie ist, die den Islam pervertiert. Hätte El-Yazidi den nicht-muslimischen Zuschauern eine Begriffserklärung liefern wollen, hätte er dies mit obigen Ausführungen tun können. Stattdessen sprach er nebulös von einer „historischen Verwurzelung im Islam“, so dass der neutrale Beobachter erst recht den Eindruck bekommen konnte, Intoleranz und Fundamentalismus gehörten schon seit Jahrhunderten zum Wesen des Islams.

  • Nachdem Michael Wolffsohn die Behauptung aufgestellt hatte, der Islam hänge dem Judentum und dem Christentum in der Frage der Interpretation der heiligen Schrift hinterher, versuchte El-Yazidi diese These mit der Schlussfolgerung zu entkräften, dass dann 1,5 Milliarden Muslime auf der Welt alle Terroristen sein müssten. Nein, dann müssten sogar sämtliche Anhänger abrahamitischer Religionen, also auch Juden und Christen, alle Terroristen sein, denn alle beriefen sich auf denselben Gott.

Was für eine absurde Logik und totale Dialogverweigerung. El-Yazidi scheint es zu reichen, dass die Mehrheit der Muslime friedlich ist; er leitet daraus eine generelle Friedfertigkeit des Islams ab, obwohl sich bereits tausende Terroristen im Namen Allahs in die Luft gesprengt haben und dabei abertausende unschuldiger Opfer mit in den Tod gerissen haben. Über die Gründe für solche Taten möchte er gar nicht offen debattieren, denn sie sind seiner Meinung nach überall, aber nicht im Islam zu suchen. El-Yazidi steht stellvertretend für die meisten islamischen Verbände in Deutschland, die nicht bereit sind, sich mit dem eigenen Glauben kritisch auseinanderzusetzen. Warum sollten es dann die einzelnen Gläubigen tun, wenn ihnen sogar ihre Dachverbände ständig das Gefühl vermitteln, es gebe kein Problem? Alles in Ordnung, wir machen weiter wie bisher. Innerislamische Kritik? Unbegründet. Wenn wir alle Terroristen wären, ja dann müssten wir mal reden. Bis dahin: Lippenbekenntnisse, Distanzierungen, aber bloß keine Debatten, die wehtun könnten.

  • Unangenehme Fragen mit Gegenfragen beantworten: Frank Plasberg ließ den Bundestagspräsidenten Norbert Lammert in einem Einspieler die Frage stellen, warum noch immer im Namen Allahs Menschen verfolgt, drangsaliert und getötet werden. El-Yazidis Reaktion: Er könne Herrn Lammert auch fragen, warum die Menschen im Namen Jesu oder sonstiger Ideologien getötet werden.

Das könnte er natürlich. Aber wäre das die Antwort auf die Frage? Oder wäre das ein erneuter Rückzug in die Opferrolle, die viele Muslime und muslimische Verbände seit Jahren einnehmen? Mit einer solchen Gesprächsführung kann kein fruchtbarer Dialog entstehen. Das sollte Muslimen bewusst sein. Und vor allem trägt eine solche Trotzhaltung nichts zur Lösung tatsächlich existierender Probleme bei: Was ist mit der Toleranz gegenüber Anders- und Nichtgläubigen, der Gleichstellung der Frau, den patriarchalen Strukturen in den Familien, der religiösen Angstpädagogik, der Unterdrückung der natürlichen Sexualität und der pathologisch anmutenden Sexualisierung von kleinen Mädchen und jungen Frauen?

Diese Themen müssen Muslime in einer innerislamischen Debatte diskutieren. Es ist unreif, die eigenen Unzulänglichkeiten mit den Unzulänglichkeiten anderer zu entschuldigen. Muslime werden ihre Probleme nicht lösen, indem sie mit dem Finger auf die moralischen Verfehlungen anderer zeigen. Das ist billig und das haben Muslime nicht nötig. Finde ich zumindest. Das ist auch keine Debatte, die die nichtmuslimische Mehrheitsgesellschaft über die Köpfe der Muslime hinweg führen sollte. Es ist somit auch nicht nötig, dass jeder Deutsche zum Islamexperten mutiert, um Gewalt im islamischen Kontext kritisieren zu dürfen. Kritik darf jeder äußern, auch derjenige, der keine acht Semester islamische Theologie studiert hat. Totschlagargumente wie „Es gibt nicht DEN Islam“ bringen uns nicht weiter. Muslime müssen sich kritisch mit ihrem Glauben auseinandersetzen und dabei darf es keine Tabus geben. Nur so können wir uns irgendwann von den selbst auferlegten Fesseln lösen, die uns tagtäglich die Luft abschnüren.

Islam und Gewalt – Zeit für Klartext

Je me désolidarise…

Ich bin gläubiger Muslim und ich distanziere mich von den Terroranschlägen in Belgien, bei denen viele unschuldige Menschen getötet worden sind.

Meine Gedanken sind bei den Familien der Opfer, die sich fragen werden, womit sie es verdient haben, ihre Liebsten wegen der Launen einiger weniger Barbaren verloren zu haben. Diese Barbaren haben Dutzende Einzelschicksale zerstört und sind verantwortlich für lebenslange Depressionen und Traumata, die die Hinterbliebenen plagen werden. Welches kranke Hirn kann sich darüber freuen und welches dumme Hirn kann solche Konsequenzen komplett ausblenden?

Ich distanziere mich von einer religiös motivierten Ideologie, der ein Menschenleben nichts bedeutet. Das gilt sowohl für die unschuldigen Opfer, denen zuvor jegliche menschlichen Eigenschaften von den Tätern aberkannt worden sind, um diese Grausamkeiten zu rechtfertigen, als auch für die Täter, die sich bereitwillig als Kanonenfutter des Islamismus hergegeben haben. Manche haben im letzten Moment kalte Füße bekommen und ihre Sprengstoffweste ausgezogen, so wie Salah Abdeslam, der Chef-Logistiker der Paris-Attentate, den die belgische Polizei am vergangenen Freitag im Brüsseler Stadtteil Molenbeek festgenommen hatte. Vielleicht war es auch der letzte Funken Menschlichkeit, der ihn davon abgehalten hat, den Knopf zu drücken. Sein Bruder hat es durchgezogen. Das Maß der Schuld, das Abdeslam und seine Komplizen auf ihre Schultern geladen haben, ist jedenfalls unvorstellbar und ich weiß beim besten Willen nicht, welche Reaktion sie sich von ihrem Schöpfer, an den sie glauben, am Jüngsten Tag, an den sie auch glauben, erhoffen. Lob? Belohnung? Den Himmel? Ernsthaft?

Aber es reicht nicht, sich als Muslim nur von diesen Gewaltakten zu distanzieren. Das sollten auch die Islamverbände in Deutschland allmählich einsehen. Es ist vielmehr unabdingbar, sich von allen Formen der psychischen Gewalt, die der körperlichen Gewalt vorausgehen, zu distanzieren.

Deswegen distanziere ich mich auch von islamisch geprägten Lebensentwürfen, die die Gleichheit aller Menschen nicht anerkennen.

Ich distanziere mich von islamisch geprägten Paschas, die glauben, dass sie die Herren der Welt sind.

Die glauben, dass Frauen nur dafür gemacht sind, ihnen zu gehorchen.

Die Frauen auf ihre Gebär-, Putz- und Kochfunktion reduzieren und sich dabei auf angeblich islamische Traditionen berufen.

Die Juden und Homosexuelle als Affen und Schweine bezeichnen.

Die Juden und andere Minderheiten zu Hauptakteuren sämtlicher Verschwörungstheorien auserkoren haben, um ihre eigene Schwäche und ihr eigenes Versagen im Leben erträglicher zu machen.

Die in einem infantilen Zustand des verwöhnten Einzelkinds verharren und weder fähig sind, sich kritisch zu reflektieren noch sich in irgendeiner Form weiter zu entwickeln.

Ich distanziere mich von den patriarchal-autoritären Strukturen in vielen islamischen Ländern, die ein Grund für Intoleranz, Gewalt und Radikalisierung sind. Sie sind in Kombination mit Armut und mangelnder Bildung der Nährboden für islamistischen Terrorismus, wie wir ihn jetzt in Brüssel erleben müssen.

Ich distanziere mich von der Unterdrückung der natürlichen Sexualität in konservativen islamischen Kreisen und ich distanziere mich von der Kultivierung einer ständigen Angst vor einem strafenden Gott. Beide Aspekte sind ein Grund für pathologische Tendenzen bei vielen muslimischen Jugendlichen. Aggressionen und Gewalt gegen ein vermeintlich legitimes Feindbild (Andersgläubige und Nichtgläubige) sind ein willkommenes Ventil und der erste Schritt in die Radikalisierung – sowohl in Gaza als auch in Berlin.

Die öffentlich vorgetragene Distanzierung nach islamistischen Terroranschlägen ist inzwischen ein etablierter und absolut nachvollziehbarer Reflex seitens der islamischen Community. Aber die Distanzierung sollte nicht auf schreckliche Tage wie den heutigen beschränkt werden. Sie muss jeden Tag geschehen. Es ist ein täglicher Kampf – gegen Intoleranz, Hass und Ungleichheit.

Je me désolidarise…

Was Rechtspopulisten und Islamisten gemeinsam haben

AfD-Chefin Frauke Petry (Foto: blu-news.org [CC BY-SA 2.0], via Wikimedia Commons
Radikale Islamisten teilen die Welt in Gut und Böse ein: in Gläubige (Mu’min) und Ungläubige (Kuffar). Es ist ein dualistisches Weltbild, das einfache Antworten auf komplexe Fragen liefert. Vor allem deshalb fühlen sich manche (junge) Europäer, die nach Orientierung und Lebenssinn in einer unübersichtlichen und scheinbar sinnlosen Welt suchen, von dschihadistischen Terrororganisationen wie dem IS angezogen. Es gibt ein klar eingegrenztes Feindbild, das man für sämtliche Probleme (also auch die eigenen) verantwortlich machen kann. Gleichzeitig erfährt man einen enormen Selbstbewusstseinsschub, denn man gehört nun zu den „Guten“ und fühlt sich seinen Feinden moralisch überlegen.

Rechtspopulisten teilen die Welt in Gut und Böse ein: in Inländer und Ausländer. Es ist ein dualistisches Weltbild, das einfache Antworten auf komplexe Fragen liefert. Vor allem deshalb fühlen sich manche (junge) Europäer, die nach Orientierung und Lebenssinn in einer unübersichtlichen und scheinbar sinnlosen Welt suchen, von rechtspopulistischen Parteien wie der Front National (Frankreich), der Partij voor de Vrijheid (Niederlande) oder der FPÖ (Österreich) angezogen. Es gibt ein klar eingegrenztes Feindbild, das man für sämtliche Probleme (also auch die eigenen) verantwortlich machen kann. Gleichzeitig erfährt man einen enormen Selbstbewusstseinsschub, denn man gehört nun zu den „Guten“ und fühlt sich seinen Feinden moralisch überlegen.

Europa droht angesichts der Flüchtlingskrise und Terror-Angst nach rechts zu driften. In zahlreichen Ländern steigen die Umfragewerte von rechtspopulistischen Parteien – wenn sie nicht schon die jeweilige Landesregierung stellen. Das ARD-Europamagazin hat in einem aktuellen Beitrag die Situation skizziert:

  • In den Niederlanden ist die Partij voor de Vrijheid (Partei für die Freiheit) des Islamfeinds Geert Wilders mit 20,4 Prozent derzeit die umfragestärkste Partei.
  • Die rechtspopulistischen Sverigedemokraterna (Schwedendemokraten) sind in aktuellen Umfragen mit 16,7 Prozent drittstärkste Kraft.
  • Seit den Parlamentswahlen 2015 ist die rechtspopulistische Partei Perussuomalaiset (Die Finnen) Teil der Regierungskoalition in Finnland. Seitdem sind die Ausländergesetze massiv verschärft worden.
  • Die rechtsextreme Front National von Parteichefin Marine Le Pen hat zwar die letzten Regionalwahlen in Frankreich verloren, aber der anhaltende Ausnahmezustand seit den Pariser Terroranschlägen und die Ängste vieler Bürger vor den Folgen der Flüchtlingskrise machen die Partei trotz faschistischem Gedankengut und vordemokratischer Wirtschaftskonzepte für eine wachsende Zahl von Menschen wählbar.
  • Spätestens Ende 2017 stimmen die Briten in einem Referendum über einen EU-Austritt ab (Brexit). Premierminister David Cameron verhandelt mit der EU über Ausnahmen und Sonderregelungen für Großbritannien, um einen Brexit zu verhindern. Dabei geht es auch um die Einschränkung von Sozialleistungen für EU-Bürger, die in Großbritannien leben. Das würde rund eine Million Polen betreffen, die den größten Teil der EU-Arbeitsmigranten auf der Insel ausmachen. Die Tatsache, dass dies wiederum der PiS-Regierung in Warschau überhaupt nicht gefällt und Cameron deswegen zu einem Besuch anreisen muss, um die Wogen zu glätten, entlarvt die Doppelmoral der Nationalisten und Abschottungspolitiker innerhalb der EU.

Es ist offenkundig, was all diese Rechtspopulisten, Nationalisten und Rechtsextreme mit Dschihadisten gemeinsam haben: das dualistische Weltbild, das nur Schwarz und Weiß kennt – ohne Grautöne, geschweige denn Farben.

Doch nicht nur das: Europäische Rechte und Islamisten brauchen einander. Ohne die Angst vor dem Fremden, ohne die Angst vor anderen Kulturen oder Religionen gäbe es keine AfD und keine Front National. Sie instrumentalisieren Flüchtlingskrise und Terror-Angst, um pauschal eine ganze Glaubensgemeinschaft unter Generalverdacht zu stellen.

Doch genau das spielt den Islamisten in die Hände. Sie wollen eine Spaltung der Gesellschaft. Sie wollen eine Radikalisierung gemäßigter Muslime, die den Anfeindungen rechter Scharfmacher und deren Anhänger ausgesetzt sind. Sie wollen zwei klar umrissene Lager, die sich bekämpfen – ungefähr so wie bei Hooligans gegen Salafisten in Köln 2014. Da galt nur: „Wir gegen die.“ Das ist einfach, das verstehen selbst Menschen mit einem IQ knapp über Zimmertemperatur.

Wir sollten nicht den einfachen Weg wählen, weil die meisten von uns wissen, dass es eben nicht so einfach ist, wie es uns die Hassprediger aus beiden Lagern weismachen wollen. Die Welt ist nicht nur schwarz oder weiß. Die Welt ist ein Regenbogen, um es pathetisch auszudrücken. Mit allen nur erdenklichen Farbnuancen. Genau deswegen müssen wir Farbe bekennen.

Buchstabenglaube ist keine islamische Erfindung

Es ist auch nicht hilfreich, Muslime ständig mit kriegerischen Koranversen zu konfrontieren und sie zu befragen, wie sie dazu stehen. Aktuell leben rund vier Millionen Muslime in Deutschland, ohne dass ein Glaubenskrieg ausgebrochen ist. Das Fußgängerzonen-Quiz „Koran oder Bibel?“ zeigt, dass der Islam kein Monopol auf Grausamkeiten oder patriarchalische Haltungen hat. Muslime haben keine größere Pflicht, buchstabengläubig zu sein als Christen oder Juden. Das denken höchstens Menschen, die sich noch nie mit einem Muslim unterhalten haben. Wo ist die Wahrscheinlichkeit dafür am höchsten? Genau, in weiten Teilen Ostdeutschlands, wo Pegida und AfD kräftig gedeihen.

Die meisten Muslime in Deutschland wollen in Harmonie und Frieden mit ihren Nachbarn leben und die meisten muslimischen Flüchtlinge fliehen vor brutalen Islamisten, die ihre Länder in Schutt und Asche gelegt haben – sei es in Syrien oder in Afghanistan. Diese Menschen haben bestimmt keinen Krieg gegen die deutschen „Ungläubigen“ im Sinn, sondern wollen nur Frieden für sich und ihre Familien. In vielen Fällen messen sie der Religion gar keine so große Bedeutung bei, wie viele der besorgten Bürger glauben möchten. Die Gefahr von getarnten Terroristen, die mit dem Flüchtlingsstrom nach Deutschland kommen, ist real. Doch die Rechtspopulisten belassen es nicht bei dieser Erkenntnis, sondern nutzen sie, um den Kampf der Kulturen mit Pauschalisierungen zu befeuern.

Wer am lautesten schreit, hat nicht automatisch recht. Und wer nur einfache Antworten auf schwierige Fragen liefert, sollte einem mündigen Menschen verdächtig vorkommen. Es spielt keine Rolle, ob es sich dabei um einen Rechtspopulisten oder einen Islamisten handelt. Denn beide leben von der Angst, dem Hass und der Intoleranz der Menschen, ohne ernsthafte Lösungsvorschläge für die Probleme dieser Welt bieten zu können. Sie tun so, als wüssten sie es besser, doch unter ihrer Herrschaft würde alles zugrunde gehen, wofür europäische Staaten jahrhundertelang gekämpft haben: Freiheit, Gleichheit, Toleranz.

Abschottung und das Zurückfallen in längst überholte Denkmuster können weder bei der Flüchtlingskrise noch bei irgendeinem anderen Problem, das durch die Globalisierung entstanden ist, die Lösung sein. AfD-Wähler müssen nur nach Polen und Ungarn schauen, um zu erfahren, wie die Alternative für Deutschland konkret aussehen könnte. Würden sie das derzeitige Deutschland wirklich dafür eintauschen wollen? Ich glaube nicht. Selbst die urdeutschen Wutbürger, die sich von einer AfD-Regierung einen persönlichen Vorteil erhoffen, würden sich angesichts der unsozialen Politik enttäuscht abwenden. Doch für einen Meinungsumschwung könnte es in einem antidemokratischen System, das nicht viel von Meinungsfreiheit hält, zu spät sein. Deswegen sollte die Büchse der Pandora gar nicht erst geöffnet werden.

Was können wir tun?

Den unbequemen Weg gehen: differenzieren, (uns selbst) hinterfragen, besonnen bleiben, aber auch den Mund aufmachen.

Es steht nicht weniger als ein geeintes, demokratisches und pluralistisches Europa auf dem Spiel.

 

Was Rechtspopulisten und Islamisten gemeinsam haben

Ich bin ein Zweifler. Oder etwa nicht? (Intro)

Irgendwie fühlen sich diese ersten Blog-Zeilen überaus narzisstisch an. Als hätte ich der Welt mehr und Wichtigeres mitzuteilen als andere Menschen, die sich mit der Materie schon viel länger beschäftigen als ich. Dennoch komme ich nicht umhin, diesen Blog über meinen Glauben zu starten – sei es aus niederen, narzisstischen Beweggründen, sei es aus wahrhaftigem Interesse an Aufklärung, interkulturellem Dialog und gegenseitigem Verständnis. Ich spüre schon seit langem dieses innere Bedürfnis, meine Gedanken dazu in Schriftform festzuhalten und der Welt mitzuteilen. Und ich denke, dass ich das besser kann als manche „Experten“, die in Essays oder politischen Talkshows über den Islam dozieren. Wie komme ich zu dieser Einschätzung?

Warum ein Islam-Blog?

Ein Muslim in Deutschland, der aus seinem Glauben kein Geheimnis macht und nicht ausschließlich in einer islamischen Community lebt, gerät früher oder später mit einem Andersgläubigen, einem Atheisten oder einem Agnostiker in einen religiösen Dialog. Oft geschieht das bei gesellschaftlichen Anlässen, wenn man die Datteln im Speckmantel ablehnt und dafür offen den Grund benennt. (Nicht, dass Muslime etwas gegen Datteln hätten – der Prophet Mohammed s.a.w.s. soll mit ihnen immer sein Fasten gebrochen haben – nur die Speckhülle passt uns nicht so ganz).

Dieser ersten Enthüllung folgt der Dialog: Oft fragt mich mein Gegenüber aus reinem Interesse nach den religiösen Vorschriften im Islam und ob Muslime wirklich fünf Mal am Tag beten müssen und tatsächlich auch im Hochsommer fasten müssen. Meistens kann ich ihm auf diese Fragen sehr eindeutige Antworten geben, indem ich die fünf Säulen des Islams (Glaubensbekenntnis, tägliches Gebet, Fasten, Almosen-Steuer und die Pilgerfahrt nach Mekka) aufzähle. Nach einem mitleidigen Nicken, dass mir suggerieren soll, ich hätte die anstrengendste Buchreligion von allen abbekommen, fragt er mich schließlich, ob ich persönlich auch alle diese Vorschriften befolge. Ab diesem Zeitpunkt kann das Gespräch in einen Rechtfertigungs-Monolog abdriften, da ich dann immer zugeben muss, dass ich das fünfmalige, tägliche Gebet nicht fünf Mal und nicht täglich ausführe. Auch das mit dem Fasten habe ich erst vor etwa fünf Jahren angefangen und wenn ich ehrlich bin, habe ich seitdem vielleicht einen Ramadan durchgefastet. Die Almosen-Steuer entrichte ich übers Internet und für die Pilgerfahrt nach Mekka fehlte mir bisher das Geld. Bleibt noch das islamische Glaubensbekenntnis, dass ich mehrmals täglich auf Arabisch aufsage. Immer bevor ich einschlafe und immer mal wieder zwischendurch: „Ich bezeuge, dass es keinen Gott außer Allah gibt und bezeuge, dass Mohammed sein Gesandter ist.“

Bin ich ein 3/5-Muslim?

Und dann stelle ich mir immer wieder diese eine Frage: Reicht das? Zählt jede Säule gleich? Angenommen, ich faste ab sofort jeden Ramadan durch, bin ich dann ein 3/5-Muslim? Klingt immerhin besser als 2/5, ist schließlich mehr als die Hälfte. Gibt es 5/5-Muslime, die alle Vorschriften befolgen, aber trotzdem schlechte Menschen sind? Ist so etwas überhaupt möglich, wenn man alle Anweisungen Gottes befolgt oder wird man dann automatisch gereinigt, egal was vorher war? Solche Gedankennetze spinne ich in meinem Kopf, immer weiter, immer feiner, während mein Gegenüber schon längst das Thema gewechselt hat. Ist es das wert, über solche Sachen sein Leben lang nachzudenken? Meine klare Antwort: ja. Der einzige Unterschied zu früher ist, dass ich ab sofort (rein theoretisch) die gesamte Menschheit daran teilhaben lassen will. Vielleicht finden es manche genauso spannend wie ich, egal ob Glaubensbrüder, -Schwestern, Juden, Christen, Buddhisten, Hinduisten, Atheisten oder Agnostiker.

Terror, Flüchtlingskrise, Silvester in Köln

Andere Gespräche, die sich nicht um die reinen Glaubenspraktiken drehen, dienen meinem Gegenüber als Vergewisserung, wie Muslime zu bestimmten gesellschaftlichen Debatten stehen oder Nachrichten aus der Weltpolitik bewerten, die mit dem Islam zu tun haben oder (fälschlicherweise) mit dem Islam konnotiert werden. Ist der IS-Terror islamimmanent? Ist die Sorge berechtigt, dass sich muslimische Flüchtlinge nicht (gut) in Deutschland integrieren können? Hat der Islam ein mittelalterliches Frauenbild, das muslimische Männer zu Chauvinisten macht, die sich dann wie in Köln sexuell an Frauen vergreifen? Sollten sich aufgeklärte Muslime nicht entschieden von solchen Taten distanzieren? Oder braucht der Islam gar eine Reform, einen muslimischen Luther?

Sehr oft fühle ich mich überfordert, wenn mich mein Gegenüber dabei implizit auffordert, stellvertretend für rund 1,6 Milliarden Muslime weltweit zu sprechen, da ich mir relativ sicher bin, dass ich mit meiner Weltanschauung in einigen islamischen Ländern als Zweifler, Heuchler oder gar Ungläubiger gelten könnte – trotz der oben errechneten 3/5 Islamkompatibilität. Das liegt auch daran, dass ich als bosnischer Muslim einer Minderheit angehöre, die sich in vielen Punkten von der arabischen Mehrheit der Muslime unterscheidet. (Nicht zu vergessen die asiatischen Muslime wie z. B. in Indonesien.) Das fängt bei der Gebetshaltung an und endet etwa bei der liberaleren Interpretation des Korans. Gerade das scheint vielen Menschen aus dem westlichen Kulturkreis nicht (immer) bewusst zu sein und gerade das ist ein weiterer Grund, diesen Blog anzufangen.

Der Islam gehört zu Deutschland

Man kann ihm viel vorwerfen, aber mit diesem Satz hatte der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff absolut recht. Nicht nur die Enkel der türkischen Gastarbeiter, auch die vielen Syrer, die im Zuge der Flüchtlingskrise nach Deutschland kommen, werden dieses Land nachhaltig verändern. Der Islam wird in den kommenden Jahren eine wachsende gesellschaftliche Bedeutung erhalten und es würde mich nicht wundern, wenn ich den Bundestags-Einzug der ersten politischen Partei mit einem „I“ im Namen noch erleben würde.

Deutschland und Europa am Scheideweg

Doch zurück zur Gegenwart: Nach den sexuellen Übergriffen in der Silvesternacht in Köln droht das gesellschaftliche Klima in Deutschland zu kippen: Die Stadt Bornheim verbietet männlichen Flüchtlingen den Zugang zum Schwimmbad, 1700 Pegida-Anhänger brüllen rechte Parolen am Kölner Hauptbahnhof und ein Landshuter Landrat karrt unter falschem Vorwand 31 Flüchtlinge vor das Kanzleramt in Berlin, um auf die Überforderung der Kommunen bei der Unterbringung der Flüchtlinge aufmerksam zu machen. Die deutsche Willkommenskultur, ein beispielloser Akt der Humanität und – wenn man so will – Ausdruck eines islamischeren Verhaltens in der Flüchtlingskrise als das von nachweislich islamischen Ländern wie Saudi-Arabien oder Katar, hat nach den Ereignissen von Köln einen gewaltigen Dämpfer erhalten. Das energisch-optimistische „Wir schaffen das“ von Bundeskanzlerin Angela Merkel verhallt nun ungehört zwischen den Rufen nach mehr Polizei, schnelleren Abschiebungen und einer Verschärfung des Asylrechts.

Gleichzeitig versuchen Terrororganisationen wie der Islamische Staat den Krieg nach Europa zu tragen und Zwietracht zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen zu säen, während sich osteuropäische Staaten wie Polen, Ungarn, Tschechien oder die Slowakei allmählich aus der europäischen Solidargemeinschaft verabschieden, indem sie ganz explizit die Aufnahme von muslimischen Flüchtlingen verweigern. Somit droht der EU neben einer ökonomisch bedingten Nord-Süd-Spaltung nun auch noch eine Ost-West-Spaltung.

Ist die Angst der Osteuropäer begründet? Sollten sich die Deutschen vor dem Islam fürchten, den die Flüchtlinge importieren? Haben die Hass-Kommentatoren in sozialen Netzwerken womöglich in der Sache recht, obwohl die verbale Form inakzeptabel ist?

Doch wovon reden wir eigentlich? Reden wir über das Gleiche oder aneinander vorbei? Hören wir dem anderen auch zu?

Bevor man eine Debatte anfängt, klärt man im Idealfall vorher den Diskussionsrahmen. Dieser Grundsatz sollte auch dann gelten, wenn man über den Islam debattiert.

„Es gibt nicht DEN Islam“, heißt es immer, wenn man Experten fragt. Das ist eine berechtigte Differenzierung, denn Religion und Kultur bilden in jeder muslimischen Region auf der Welt eine vollkommen individuelle Symbiose. Das geht so weit, dass kulturelle Bräuche mit religiösen Vorschriften verwechselt werden und umgekehrt. Der interessierte westliche Beobachter (und auch der fernöstliche) wird dann aber die ebenso berechtigte Nachfrage stellen: „Welche Formen des Islams gibt es denn, wenn es schon nicht DEN EINEN gibt?“ Und was noch wichtiger ist: Wer hat die Deutungshoheit darüber, was Islam ist?

Ich gebe zu: viele Fragen und bisher kaum Antworten. Doch das soll sich ändern. Denn genau deswegen habe ich diesen Blog ins Leben gerufen. Ich wollte nur den Diskussionsrahmen klären, bevor ich mit meinen ersten Beiträgen ins Detail gehe.

Mein Ziel: Ich möchte der Frage auf den Grund gehen, warum das Thema Islam ein so schwieriges und vielschichtiges ist. Ich möchte – soweit möglich und nötig – Vorurteile entkräften, Sachverhalte differenzieren und meinen eigenen Glauben besser verstehen lernen.

Es würde mich jedenfalls glücklich machen, wenn meine künftigen Beiträge bei Andersgläubigen, Atheisten oder Agnostikern zu mehr Verständnis für und mehr Toleranz gegenüber dem Islam führen würden.

Die gesellschaftliche Realität ist: Wir alle kommen am Thema Islam nicht mehr vorbei. Doch wir haben die Wahl: Entweder wir gehen den Weg des Misstrauens und der Gewalt oder den Weg der Verständigung und der Toleranz.

Das soll jetzt aber auch reichen fürs Intro.

 

 

 

 

Ich bin ein Zweifler. Oder etwa nicht? (Intro)