Was die Welt aus dem Innersten heraus auseinandertreibt

Ok, jetzt wird es grundsätzlich. Und das ist auch zwingend notwendig. Denn die Welt, wie wir sie kennen (oder zu kennen glauben), scheint vollkommen aus den Fugen zu geraten: Missglückter Militärputsch in der Türkei, Gewaltwelle in Deutschland, Frankreich im Würgegriff des IS-Terrors, Brexit, ein drohender US-Präsident Donald Trump, Rechtspopulisten in Europa wohin man blickt, Syrien-Krieg, Flüchtlingskrise – man könnte diese Aufzählung beliebig fortsetzen und es würde nicht besser werden.

Doch warum ist die Welt so (geworden)? War sie schon immer so und wir sicheren Hafenbewohner in Europa haben es bisher nicht bemerkt? Oder haben wir zu lange die Augen vor dem Leid der Welt verschlossen und nun bekommen wir auch unseren gerechten Anteil ab? Es sind viele Fragen, die die (besorgten) Bürger umtreiben und es scheint so, als ob die Antworten darauf nicht Verständigung, Toleranz und Empathie heißen, sondern Abschottung, Nationalismus und Ignoranz.

Wie konnte es so weit kommen?

Warum wird alles gefühlt radikaler als es vielleicht vor 50 Jahren gewesen ist?

Die oben aufgeführten Beispiele lassen sich zweifelsohne nicht in einen Topf werfen, da sie ganz individuelle Ursachen haben, die sich nicht miteinander vergleichen lassen. Doch eine Tendenz haben alle aufgeführten Phänomene gemeinsam: Radikales Gedankengut scheint im Aufwind und das Misstrauen in Europa wächst: das Misstrauen gegenüber der EU, das Misstrauen gegenüber Einwanderern, das Misstrauen gegenüber politischen Amtsträgern und das Misstrauen gegenüber Medien und dem Bild der Realität, das sie transportieren.

Immer mehr Menschen bewegen sich in einer ganz eigenen Realität und bestimmte Denkmuster, die früher Gemeingut waren, zerfallen in immer mehr Einzelströmungen, die unvereinbar scheinen.

AfD-Sympathisanten sehen Bundeskanzlerin Angela Merkel, die vor ein paar Jahren noch als Macherin des wirtschaftlichen Erfolgs des Landes und als souveräne Krisenmanagerin in der Finanzkrise galt, inzwischen als Totengräberin der Bundesrepublik an. Und das nur, weil sie in einem für sie bis dato untypischen Akt der Humanität nicht zuschauen wollte, wie sich tausende Flüchtlinge unter menschenunwürdigen Bedingungen in Ungarn stapeln. Es war nicht mit den anderen europäischen Ländern abgesprochen, es war sehr spontan, also sehr undeutsch, was Merkel im Sommer 2015 gemacht hat. Und genau dafür sollte man sie lieben, trotz der ganzen Probleme und Unwägbarkeiten, die eine solche Entscheidung mit sich bringt. Und auch wenn es viele strukturschwache Regionen im Osten Deutschlands gibt, die bis heute noch die Treuhandanstalt verfluchen, muss man ganz nüchtern feststellen: Wir in Deutschland haben im Vergleich zum Rest der Welt sehr viel und wir können viel abgeben. Im Übrigen sind die meisten Flüchtlinge im Westen der Republik untergebracht und nicht im Osten, wo die AfD die größte Anhängerschaft hat.

Doch um richtige Sachargumente scheint es nicht mehr zu gehen. Schrille Forderungen, die teilweise nicht einmal mit dem Grundgesetz vereinbar sind, finden in fast allen Gesellschaftsschichten Gehör – die Gesellschaft ist ein beängstigendes Stück nach Rechts gerückt. Verschwörungstheorien machen die Runde bis hin zu der weit verbreiteten Behauptung, die deutsche Regierung hätte ganz bewusst die „Flüchtlingsmassen“ ins Land gelassen, um ganz Deutschland zu destabilisieren oder zu zerstören.

Wie kommen Menschen in Deutschland auf solche Gedanken und was hat das Ganze mit „Wetten, dass…?“ zu tun?

Folgendes: Früher, im Prä-Globalisierungs-Zeitalter, wurden die Nationalstaaten mit globalen Problemen „in Ruhe gelassen“ und hatten mehr Zeit, sich mit den eigenen Problemen auseinanderzusetzen. Berichte aus dem Ausland gab es zwar, doch hatten die Entwicklungen im Nahen Osten nur bedingt etwas mit den nationalen Fragen zu tun – außer zu Zeiten der Ölkrise in den 1970-er Jahren. Jeder Staat hat sein eigenes Süppchen gekocht und vor dem Schengen-Abkommen wurde alles Wichtige nur innerhalb der eigenen nationalen Grenzen geregelt: Arbeitsmarkt, Rentenpolitik oder Sicherheitspolitik – über all das wurde nur innerhalb der eigenen kleinen Gartenzaun-Grenzen debattiert. Und samstags gab es das gesamtdeutsche TV-Lagerfeuer mit Thomas Gottschalk und einer Prise Chauvinismus, die damals noch erlaubt war.

Die Welt war trotz des Kalten Krieges gefühlt überschaubarer, da die Informationsbeschaffung kollektiv über die Massenmedien nach dem Gatekeeper-Prinzip erfolgte: Das, was die großen Tageszeitungen und die Tagesschau-Redaktion für wichtig hielten, wurde dem Publikum präsentiert – den Rest bekam es gar nicht mit. Durch diese Vorauswahl waren die Gesprächsthemen am Montagmorgen auf der Arbeit überall die gleichen – das gesellschaftliche Kollektivwissen war homogener als heute. Dies ergab sich natürlich aus einem Mangel an Alternativen der Informationsbeschaffung, war kognitiv aber leichter zu verarbeiten. Alle, die einen Fernseher besaßen, sahen am Samstag die Tagesschau und danach „Wetten, dass…?“. Einfach, oder? Schon diese Reduktion der erlebten Realität verbunden mit der Gewissheit, am Kollektivwissen der Gesellschaft teilzuhaben, ließ weniger Raum für radikale Ansichten von Minderheiten. Rein strukturell hatten radikale Minderheiten damals gar nicht die Möglichkeit, ein Millionenpublikum zu erreichen, sondern waren vom Wohlwollen und der Berichterstattung der Massenmedien abhängig. Selbst die RAF musste dieses Vehikel nutzen und konnte nicht etwa im Internet um Anhänger werben, wie es der IS heute tut.

Mit der Verbreitung des Internets und der daraus resultierenden Entgrenzung von Informationen, Warenhandel und Dienstleistungen wurden globale Probleme plötzlich auch zu nationalen Problemen und die Nationalstaaten wurden vor bislang ungekannte Herausforderungen gestellt. Gleichzeitig erfuhr das gesamte Mediensystem einen beispiellosen Grad der Fragmentierung. Die Massenmedien als Gatekeeper wurden nicht mehr benötigt und verloren ihre Monopolstellung bei der Beschaffung und Vermittlung von Informationen. Ihnen blieb im Zeitalter von Facebook & Co. nur noch die Rolle von Kuratoren, Aggregatoren und Gatewatchern.

Heute kann jeder Erdenbürger mit einem Smartphone und Internetzugang erfahren, wie gut es den Industrienationen geht und wie schlecht das Leben im eigenen Land wirklich ist. Das weckt Begehrlichkeiten nach einem besseren Leben. Und warum auch nicht? Ein Familienvater im Bürgerkriegsland Syrien kommt dann schnell auf die Idee, dass es vielleicht besser wäre, mit seiner Familie in Deutschland zu leben als in der Trümmerlandschaft von Aleppo.

Gleichzeitig bewegen sich viele Deutsche in einer Filterblase der sozialen Medien, die nur ihre Vorurteile bestätigt: Flüchtlinge sind kriminell, sie vergewaltigen Frauen und sie importieren einen fundamentalistischen Islam nach Deutschland. Das sind gängige Vorurteile, die nicht entkräftet werden können, weil die Freundesliste nur aus Gleichgesinnten besteht. Jeder bleibt in seiner eigenen Teilwahrheit gefangen und erliegt gleichzeitig dem psychologischen Phänomen, nur die eigenen Denkweisen immer und immer wieder zu verifizieren und nicht zu falsifizieren. Dieses psychologische Phänomen nennt sich in der Wissenschaft „Bestätigungsfehler“ und tritt in den sozialen Medien sehr oft in Kombination mit den Phänomenen „kognitive Dissonanz“ und „Gruppenpolarisierung“ auf. Eine tolle aktuelle Analyse zu diesen Phänomenen liefert Gerret von Nordheim (European Journalism Observatory).

Letztlich ist das Individualismus in seiner hässlichsten Ausprägung.

Verschwörungstheorien, Falschmeldungen und gezielte Propaganda (zum Beispiel aus Russland) haben in einem solchen Umfeld leichtes Spiel. Die Radikalisierung schreitet voran und bedient sich dabei nur des technischen „Fortschritts“.

Genauso die Gegenseite: Der Westen ist dekadent, die Frauen laufen alle halbnackt rum und an jeder Ecke wird gesündigt: Die Filterblasen von sozialen Medien sind auch ein idealer Brutkasten für islamistische Terroristen, nicht nur für deutsche Rechtspopulisten. Die Medien, die im globalen Scoop-Konkurrenzkampf immer schneller und immer unreflektierter Meldungen veröffentlichen, werden zwischen diesen Polen zerrieben und die Wahrhaftigkeit bleibt zwangsläufig auf der Strecke.

Was fehlt?

In dieser hyperindividualisierten Meinungsbildungslandschaft gibt es keinen Platz mehr für Überparteiliche, für universelle Denker, für Philosophen. Jürgen Habermas oder Theodor Adorno mögen vielleicht in der Vergangenheit gesamtgesellschaftliche Diskurse angestoßen haben, doch heute haben solche Intellektuellen keine Chance mehr. Da jede Debatten-Realität auf den Facebook- oder Twitter-Feed eines jeden Nutzers heruntergebrochen wird, schwinden die Chancen für objektive Auseinandersetzungen mit aktuellen Themen zunehmend. Die Bachelor- und Master-Fachidioten als Resultat der Bologna-Reform sorgen dafür, dass solche universellen Diskurse auch an den Universitäten unseres Landes immer seltener werden. Auch damit lässt sich das immer radikalere Gedankengut selbst unter gebildeten Menschen erklären. Das Humboldtsche Bildungsideal, es fristet, wenn überhaupt, nur noch ein Nischendasein.

Deswegen rate ich euch allen, die das Abendland verteidigen möchten: Lest Aristoteles, lest Sokrates, lest Kant, lest Voltaire, lest Schopenhauer, lest Nietzsche, lest Goethe, lest Schiller, lest Lessing – und wenn ihr jünger seid: lest Richard David Precht und steigt bitte erst dann in den gesamtgesellschaftlichen Diskurs ein.

Ein paar Youtube-Videos, Wikipedia-Einträge oder Blogposts 😉 reichen einfach nicht aus, um sich ein fundiertes Bild von unserer so komplexen Welt zu machen.

Auf der anderen Seite prasselt durch die technische Omnipotenz, die wir heute besitzen, die gesamte Komplexität der Welt ununterbrochen und meist ungefiltert auf uns ein – zu viel für unser Gehirn, das ohne Filtermechanismen und Reduktion nicht auskommt. Die Kurzschlüsse, die angesichts dieser ständigen Überforderung entstehen, können in einer Radikalisierung des Denkens münden.

Es kommt dann zur Flucht in simple Teilwahrheiten und das eigene, kleine, selbsterschaffene Biotop des Einfachen. Die wahre Komplexität der Welt wird nicht mehr zur Kenntnis genommen. Die Folgen: geistige Abschottung, Selbstbestätigung unter Gleichgesinnten, Verfestigung von eigenen Denkweisen und Vorurteilen, Radikalisierung.

Radikal zu denken ist zwar einfacher fürs Gehirn, da einfache Schablonen zum Einsatz kommen. Gleichzeitig ist es aber der Tod des Intellekts.

 

Was die Welt aus dem Innersten heraus auseinandertreibt

Ach, der Gauland schon wieder…

Ich muss zugeben, dass es allmählich langweilig wird, Forderungen der AfD auf ihre Gesetzmäßigkeit und Verfassungstreue zu überprüfen, aber Partei-Vize Alexander Gauland hat mal wieder einen besonders absurden Vorschlag rausgehauen und da ich einen guten Tag habe, gehe ich mal (ganz im Sinne der AfD) darauf ein: Unser aller Lieblingsnachbar will das Asylrecht für Muslime aussetzen. Wir könnten es uns aus Sicherheitsgründen nicht mehr leisten, noch mehr Muslime nach Deutschland einwandern zu lassen. Die Gewalttaten von Würzburg und Ansbach reichen der AfD allemal, um allen Muslimen implizit eine Art Terror-Gen zuzuschreiben, vor dem Deutschland geschützt werden muss.

Herr Gauland, ich gehe nicht davon aus, dass Sie selbst glauben, dass ein derartiger Vorschlag auch nur im Ansatz mit dem deutschen Grundgesetz vereinbar ist. Dort heißt es nämlich im Artikel 16a: „Politisch Verfolgte genießen Asylrecht.“ Ausnahmen gelten nur, wenn die Flüchtlinge aus einem anderen EU-Land oder aus einem sicheren Herkunftsstaat einreisen. Und nein, es steht an keiner Stelle, dass nur Christen oder nur Juden oder nur Atheisten Asylrecht genießen. Grundrechte sind für alle da – auch für Muslime, die Ihnen ein solches Dorn im Auge zu sein scheinen.

Aber wahrscheinlich geht es Ihnen nur darum, den Stammtisch aufzustacheln und damit dürften Sie auch erneut Erfolg haben. An der Widerwärtigkeit Ihrer Motive ändert ein solcher „Erfolg“ aber auch nichts.

Ich bin schon auf morgen gespannt, wenn Sie mal wieder zurückrudern und beteuern, das sei alles nicht so gemeint gewesen und man habe Sie falsch zitiert oder Ähnliches.

Ach, der Gauland schon wieder…