Fatwa setzt Saudi-Arabien schachmatt

Der Großmufti von Saudi-Arabien sieht Schach als Glücksspiel an. (Foto: Ilagam, CC-Lizenz (BY 2.0), http://www.piqs.de)

Der oberste islamische Gelehrte Saudi-Arabiens, Großmufti ʿAbd al-ʿAzīz ibn ʿAbdallāh Āl asch-Schaich, hat Schach in einer Fatwa (islamisches Rechtsgutachten) für haram (verboten) erklärt. Das Spiel sei aus mehreren Gründen mit dem Islam unvereinbar. Schachspieler in Saudi-Arabien fürchten nun, dass die Religionspolizei nationale und internationale Schachturniere im Land verbieten könnte.

„Das Schachspiel ist verboten.“ Mit diesen Worten antwortete der oberste islamische Gelehrte Saudi-Arabiens, Großmufti ʿAbd al-ʿAzīz ibn ʿAbdallāh Āl asch-Schaich, in einer Fernsehsendung auf die Frage eines Zuschauers, ob Schach mit dem Islam vereinbar sei. Er begründete seine Fatwa, ein islamisches Rechtsgutachten, damit, dass Schach süchtig machen könne. Die Spieler könnten dabei ihre täglichen Pflichtgebete vergessen. „Es ist eine Verschwendung von Zeit und Geld und verursacht Rivalität und Feindschaft“, erklärte der Großmufti. Es mache reiche Leute arm und arme Leute reich. Wie Alkohol und Glücksspiel sei Schach „das Werk Satans“.

Die Fatwa stammt eigentlich aus dem Jahr 2014, doch erst ein im Dezember 2015 hochgeladenes Youtube-Video, das die Antwort des saudischen Großmuftis auf die Schach-Frage zeigt und ein am Freitag und Samstag ausgetragenes Schachturnier in Mekka sorgten für eine Berichterstattung in westlichen Medien samt hitziger Diskussion auf Facebook und Twitter. Die Netzgemeinde in Deutschland reagierte auf die Schach-Fatwa mit Hohn und Spott. „#Schach“ führte zwischenzeitlich sogar die deutsche Trendthemenliste auf Twitter an:

Die saudische Schach-Community ließ sich von der Fatwa des Großmuftis nicht daran hindern, das angekündigte Schachturnier in Mekka auszurichten. Musa Bin Thaily, Mitglied der Saudi Chess Association (SCA), veröffentlichte wie zum Beweis zahlreiche Fotos vom Turnier auf Twitter:

„Unsere von religiösen Ansichten bestimmte Gesellschaft hat über die Jahre fast alles Neue zum Feind erklärt – seien es Radios, Fernseher oder Smartphones. Trotzdem hat es unsere Gesellschaft immer wieder geschafft, solche temporären Verbote zu überwinden und sich weiter zu entwickeln“, erklärt Bin Thaily. Doch beim Schach sei es anders: Bereits 1976 habe eine Fatwa Schach in Saudi-Arabien zu einer verbotenen Angelegenheit für Muslime erklärt und so sei der Sport nie unter die Schirmherrschaft des saudischen Sport- und Jugendministeriums aufgenommen worden. Die in den vergangenen Jahren gegründete Saudi Chess Association kämpfe nun darum, vom Staat anerkannt und finanziell gefördert zu werden.

„Religionspolizei könnte Schach-Events verbieten“

Doch die neue Fatwa des Großmuftis ʿAbd al-ʿAzīz ibn ʿAbdallāh Āl asch-Schaich ist ein herber Rückschlag für den saudischen Schachverband. „Die Fatwa aus dem Dezember 2014 ist ein besorgniserregendes Alarmsignal und könnte unseren Verband daran hindern, weiter zu wachsen. Außerdem könnte sie die Religionspolizei dazu veranlassen, sämtliche Schach-Events in Zukunft zu verbieten. Dann könnten wir keine Großmeister mehr einladen und keine großen, internationalen Turniere mehr im saudischen Königreich veranstalten“, so die Sorge des SCA-Mitglieds Bin Thaily.

Zwar sind Fatwas keine Gesetze, sondern gelten als religiöse Gutachten, die Gläubigen eine allgemeine Handlungsempfehlung liefern sollen, doch Großmufti ʿAbd al-ʿAzīz ibn ʿAbdallāh Āl asch-Schaich ist gleichzeitig stellvertretender Justizminister im Land und Präsident der Religionspolizei. Die Befugnisse der Religionspolizei wurden zwar in einer Reihe von Reformen zwischen 2006 und 2012 beschnitten, aber eine Kooperation von Religionspolizei und staatlichen Organen ist im Falle eines Schachturnier-Verbots trotzdem denkbar.

In mehreren Tweets erklärt und kritisiert Musa Bin Thaily öffentlich die Fatwa des höchsten islamischen Gelehrten Saudi-Arabiens. Zum Beispiel sei es unmöglich, „Rivalität und Feindschaft“ juristisch zu erfassen. Außerdem sei Fußball im Gegensatz zu Schach ein vom saudischen Sportministerium anerkannter Sport, obwohl er unter bestimmten Umständen auch als haram gilt. Generell könne jeder Sport in Saudi-Arabien als haram gelten, sofern er mit Glücksspiel in Verbindung gebracht werde, Gläubige vom Gebet abhalte oder zu Hass zwischen den Spielern führe, erklärt SCA-Generalsekretär Yaser Al Otaibi in einem Brief an den Weltschachbund FIDE.

Auf die Frage, ob er wegen seiner öffentlichen Äußerungen keine Angst vor Konsequenzen wie dem Verlust seines Jobs habe, antwortet Schach-Enthusiast Musa Bin Thaily, der Ingenieur bei der Erdölfördergesellschaft Saudi Aramco ist: „Nicht wirklich. Letzten Endes haben wir ein gerechtes System, das sage ich ganz ehrlich.“

Fatwa setzt Saudi-Arabien schachmatt

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